Archiv Seite 2

Niederländische und deutsche Erinnerungskultur

Vergleichen, Austauschen, Abstimmen?

Krijn Thijs
Tagungsbericht zum 39. Bundesweiten Gedenkstättenseminar: »Erinnerungskultur
in westeuropäischer Perspektive: Niederlande, Belgien, Luxemburg und Deutschland« (Münster, 22.–25. Mai 2003)

Wenn es zutrifft, dass Europa eine eigene Geschichte braucht, um über nationale Ebenen hinweg identitätsstiftend wirken zu können, so könnte man das 39. Gedenkstättenseminar als europäische Musterveranstaltung sehen. Die von der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Geschichtsort Villa ten Hompel und der Stiftung Topographie des Terrors durchgeführte viertägige Veranstaltung in Münster versprach einen erinnerungskulturellen Austausch zwischen den Beneluxstaaten und der Bundesrepublik; sie brachte rund achtzig Fachhistoriker, Gedenkstättenmitarbeiter und engagierte Bürger aus vier westeuropäischen Ländern zusammen. Auch wenn man der zunehmenden Neigung zur »Europäisierung der Vergangenheit«1 skeptisch gegenüberstehen mag, war die Tagung spannend, belegte sie doch an vielen Stellen die grundsätzliche Verschiedenheit der benachbarten Erinnerungslandschaften und die Schwierigkeiten einer Perspektivenverschmelzung. Das gelungene Seminar wurde von dieser anregenden Spannung stets begleitet, auch wenn sie durch die praxisorientierte Ausrichtung nicht immer direkt thematisiert wurde.
Die Veranstalter hatten vom Ziel einer »grenzüberschreitenden Erinnerungskultur« für das »zusammenwachsende Europa« gesprochen. Dies mündete in der für die kleineren Länder möglicherweise bedrohlich klingenden These, dass »Geschichtsdeutung und Erinnerung« in den Benelux-Ländern und in Deutschland »nach Abstimmung« verlangten. Im Zentrum des Seminars stand die Periode von 1940 bis 1945 mit ihren identitätsverbürgenden Erfahrungen von Krieg, Besatzung, Widerstand, Kollaboration und Vernichtung. Dass die »neuere Täterforschung« dabei besonders berücksichtigt werden sollte, brachte der Veranstaltungsort bereits mit sich. Der Münsteraner »Schreibtischtatort Villa ten Hompel« ist 1999 als öffentlicher »Geschichtsort« eingerichtet worden, der mit der beeindruckenden Dauerausstellung »Im Auftrag. Polizei, Verwaltung und Verantwortung« die Geschichte der uniformierten Polizei zwischen 1924 und 1968 thematisiert.2 Einer der Tagungsleiter, Alfons Kenkmann, Leiter des Geschichtsorts Villa ten Hompel in Münster, hatte für den Eröffnungsvortrag des Seminars im Münsteraner Rathausfestsaal den Rechtshistoriker Cyrille Fijnaut (Universität Tilburg) gewonnen. Fijnaut gab einen Überblick zur Polizeigeschichte in Belgien und den Niederlanden während der Besatzungszeit, zog aber ähnlich wie die Ausstellung der Villa ten Hompel Linien in die 1920er und 1950er Jahren hinein. Durch sein Referat rückte nicht nur der perspektivische Gegensatz zwischen der deutschen Besatzungsmacht und den okkupierten Ländern in den Blick; auch innerhalb der Beneluxstaaten verliefen die Besatzungsjahre so unterschiedlich, dass sich hier sehr verschiedene Erinnerungs- und Forschungslandschaften etabliert haben.
In den Niederlanden wurde die Besatzungszeit lange Zeit als Heldengeschichte rezipiert. Einem einflussreichen Dokumentarfilm der 1960er Jahre zufolge war die »Bezetting« die »Geschichte der Vergewaltigung eines unschuldigen und ahnungslosen Volkes, das aber durch seine geistige Stärke und Unbeugsamkeit, unter der beseelten Führung seiner Monarchin, das Böse bekämpft und ungebrochen und gereinigt aus diesem Kampf hervorgeht. Der Preis ist hoch, aber die Gerechtigkeit triumphiert.«3 Dieser »hoch bezahlte Preis«, so betonte Johannes Houwink ten Cate (Zentrum für Holocaust- und Genozidforschung, Amsterdam), bezog sich zunächst nur auf die Märtyrer des Widerstandes und das eigene Leiden. Erst in den 1960er Jahren rückte auch der Holocaust als Opfergeschichte in den Blick. Der niederländische Diskurs zeichnete sich weiterhin durch einen markanten Gut-Böse-Moralismus aus, der erst in den 1980er Jahren stärker kritisiert wurde. Hier setzt auch die erweiterte Kollaborationsforschung an, die die Grenze zwischen Tätern und Zuschauern in Frage stellt, um zu erklären, warum 75 Prozent der 140 000 niederländischen Juden den Krieg nicht überlebten.4 Zugleich warnte Houwink ten Cate aber vor einem Übertreiben dieser erweiterten Täterforschung, weil sie die Historisierung wieder zurückzudrehen drohe und an die Vergangenheit heutige Maßstäbe anlege.
Georgi Verbeeck (Universiteit Maastricht) zeigte, wie sehr die Erinnerung in Belgien von der Erfahrung zweier deutschen Besatzungen beherrscht wird (nämlich der Besatzung im Ersten und Zweiten Weltkrieg). Außerdem ist das belgische Gedächtnis in besonderer Weise von der Nationalitätenproblematik geprägt, denn eine starke flämisch-nationalistische Bewegung hatte aus politischen Gründen (zweimal) mit den deutschen Besatzern kollaboriert. Die Verurteilung der Kollaborateure nach 1945 wurde laut Verbeeck in großen Teilen der flämischen Gesellschaft lange Zeit nicht akzeptiert – eine traditionelle flämisch-emanzipatorische Subkultur verehrte die Kollaborateure weiterhin als Helden und Märtyrer der nationalen Sache. Erst in jüngster Zeit werde auch in Flandern die Besatzungszeit viel kritischer aufgearbeitet. Immerhin, so Verbeeck, hat diese gespaltene Erinnerungsgeschichte die Entstehung allzu bequemer Gut-Böse-Schemata verhindert und von Anfang an Fragen der Kollaboration aufgeworfen. Die Ausführungen von Paul Dostert (Centre de Documentation et de Recherche sur la Résistance, Luxemburg) über Luxemburg und die NS-Zeit beschränkten sich auf den Verlauf der Besatzungszeit selbst, während die Luxemburger Erinnerungskultur nach 1945 im Grunde nicht diskutiert wurde.
Da die Vergleichsfälle Belgien und Luxemburg nur mit den Referaten von Verbeeck und Dostert präsent waren, lief das ursprünglich geplante »Vierländerseminar« über weite Strecken auf eine bilaterale Begegnung zwischen den Niederlanden und der Bundesrepublik hinaus. Friso Wielenga (Zentrum für Niederlande-Studien, Münster) fragte in einem souveränen, für die gesamte Konferenz grundlegenden Vortrag nach Parallelen, Gemeinsamkeiten und Abstimmungsmöglichkeiten beider Erinnerungskulturen. Weil die Ausgangslagen, Erzählperspektiven und Inhalte des Erinnerns nach 1945 in beiden Ländern so grundverschieden gewesen sind, wählte Wielenga den interessanten Ansatz, Analogien vor allem in der Periodisierung der Erinnerungsgeschichten zu suchen. Er unterschied für beide Länder vier ähnliche Etappen: »intensive Beschäftigung« mit der NS-Herrschaft bzw. der Besatzung in den ersten Nachkriegsjahren; »relative Ruhe« in den 1950er Jahren; »Moralisierung und Emotionalisierung« in den 1960er und 1970er Jahren sowie »Polarisierung, Historisierung und Differenzierung« seit den 1980er Jahren.
Diese Perspektive lieferte zwar viele Anregungen, führte aber zu einer Vernachlässigung der Inhalte und Funktionen des Erinnerns. Denn gerade hier liegen die Unterschiede beider Geschichtskulturen – statt einer Parallelgeschichte ließe sich wenigstens bis in die 1970er Jahre hinein besser eine Spiegel- oder Kontrastgeschichte schreiben: Die Kriegszeit verschaffte den Niederlanden eine positive Identität (durch Heroisierung des Widerstands), den Deutschen aber einen negativen Bezug (deutsche Katastrophe). Wielengas »ruhige 1950er« bedeuteten für die Niederlande eine geistige Rückkehr in die Vorkriegsgesellschaft, während sie in der Bundesrepublik sowohl eine Phase geistiger Restauration als auch grundlegender Neuorientierung waren. Die nächste Periode war ebenfalls recht unterschiedlich: Wo die breite Thematisierung der NS-Vergangeneheit in Westdeutschland zum Generationenkonflikt und letztlich zur »Umgründung« der Bundesrepublik (Manfred Görtemaker) beitrug, wies der Umbruch der 1960er Jahre in den Niederlanden nur einen geringen Vergangenheitsbezug auf. Der erwähnte Wandel von der Heldengeschichte (Widerstand) zur Opfergeschichte (Holocaust) bestätigte vielmehr die eigene Identität und die moralische Verteilung von Gut (Niederlande) und Böse (NS-Deutschland). Nachdem also die synchrone Entwicklung bis in die 1970er Jahre hinein von Gegensätzen geprägt war, ist die behauptete Parallelität danach noch weniger auszumachen, denn die Kennzeichnung einer fast 25-jährigen Zeitspanne (»seit 1980«) als einer Periode von gleichzeitiger »Polarisierung, Historisierung und Differenzierung« in beiden Ländern zeichnet sich vor allem durch Unschärfe aus.
So hinterließ Wielengas Vortrag einen zwiespältigen Eindruck – letztlich dominierte die Tendenz, Gemeinsames hervorzuheben und Unterschiede auszublenden. Das war nicht untypisch für das gesamte Seminar. Sind dies die Kosten einer »Angleichung« der Erinnerungskulturen zwischen Ländern der Europäischen Union? Man könnte meinen, dass die Befürworter eines solchen europäischen Blicks die Geschichte auf eine wünschenswerte Zukunft hin glätten (wie es beispielsweise auch bei der Stockholmer Holocaust-Konferenz vom Januar 2000 geschehen ist). Jedenfalls mündete Wielengas Beitrag optimistisch in eine doppelte »Triumph History«: Der jeweilige Umgang mit der Vergangenheit sei »weitgehend enttabuisiert und entmythologisiert« und bilde zudem »keine Belastung mehr für die politisch-psychologischen Beziehungen« beider Länder. Skeptiker hätten gegen eine solche Ende-der-Geschichte-Erzählung gewiss eine Menge einzuwenden gehabt.5
Leider fehlte in der sehr straffen Planung der Konferenz die Gelegenheit für vertiefende Diskussionen über solche Fragen. Immerhin bot Chris Vos (Universität Rotterdam) eine alternative Sichtweise auf die transnationalen Konvergenzen in der Erinnerung an den Holocaust.
Statt ein organisches Zusammenwachsen Europas zu unterstellen, erklärte Vos die Homogenisierung der Erinnerungskulturen durch ihre wachsende Medialisierung. Mit dem Begriff der »ikonenhaften Klischees« bezeichnete er jene archivarischen Bilder und Videosequenzen, die wegen ihrer Aussagekraft oder Seltenheit immer wieder »recycled« werden. Sie bieten dem Fernsehen ein nur begrenztes Arsenal »authentischer« Bilder und produzieren laut Vos allmählich eine Einheitlichkeit verschiedener Gedenkkulturen. Der Einfluss solcher »Erinnerungsikonen« auf unsere Vorstellungen sei selbst dort bemerkbar, wo auf Archivbilder verzichtet werde, denn auch im gestellten Kinofilm sehen wir die Judenvernichtung »originalgetreu« in Schwarz-weiß (Spielbergs »Schindlers Liste«).
Neben diesen allgemeinen Themen stand die praktische Arbeit von Gedenkstätten und Museen im Mittelpunkt der Tagung. Auf einem »Markt der Möglichkeiten« präsentierten sich niederländische und deutsche Projekte, darunter auch eine Reihe (noch) nicht institutionalisierter Bürgerinitiativen. Andreas Pflock (Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg) hielt einen sehr gelungenen Bildvortrag zu den niederländischen Lagergedenkstätten. Nach dem Krieg wurden die Lager mal als Armeekasernen, mal als Gefängnisse, Flüchtlingslager oder Asylantenwohnheime verwendet; die Überreste wurden nach Belieben auseinandergenommen oder gar renoviert. (Ein Vergleich mit der Nachgeschichte der Lager in den beiden deutschen Staaten würde verdeutlichen, dass dies ein länder- und systemübergreifendes Phänomen war.) Heute besteht im ehemaligen Durchgangslager Kamp Westerbork eine moderne Gedenkstätte mit Dokumentationszentrum, doch mit der Entwicklung von ähnlichen Stätten tut man sich – etwa im Fall des Lagers Amersfoort – nach wie vor schwer.
Den Abschluss des Seminars bildete ein Besuch im niederländischen »Nationalen Kriegs- und Widerstandsmuseum« in Overloon. Auch dieses Museum hinterließ bei den kritischen Teilnehmern einen zwiespältigen Eindruck. Overloon ist ein kleiner Ort, der 1944 bei einer Panzerschlacht zwischen Alliierten und Deutschen weitgehend zerstört wurde. Am Ort der Schlacht wurde das Museum gegründet. Überwältigend ist vor allem die Größe des Museumsgeländes (ca. 15 Hektar), das den Besucher zuerst mit verschrotteten Panzern aus der Schlacht konfrontiert. Weil der deutsche Besucher bei Museen zur NS-Zeit eher Nachdenklichkeit und Besinnung gewöhnt ist, wirkt das gesammelte Kriegsmaterial irritierend. Verwunderung herrschte auch über die umfangreiche Ausstellung, deren Anspruch, das niederländische Zentralmuseum zu sein, sich im schieren Volumen zu spiegeln scheint. Die Ehrenhalle mit Militäruniformen und Büsten von Königin Wilhelmina und ihrem Schwiegersohn Bernhard wirkt überholt. Überhaupt erschien die Kombination von Kriegs- und Widerstandsmuseum den Konferenzteilnehmern nicht überzeugend, weil hierdurch gerade die differenzierenden Grautöne der Besatzungsherrschaft selbst unterbelichtet bleiben. Dass in späteren Jahren eine gesonderte Ausstellungshalle über die Judenvernichtung hinzugefügt worden ist, hat geradezu Symbolcharakter – das Gebäude des niederländischen Geschichtsbildes ist in Overloon eher durch »Anbauten« als durch grundlegende »Umbauten« mit der Zeit mitgewachsen. Viele Teilnehmer zweifelten daran, ob ein Schlachtfeld der richtige Standort für die Betrachtung der gesamten Besatzungszeit sein kann, und ob ein Nationalmuseum als »große Synthese« noch zeitgemäß ist.
Besonders deutlich war der Kontrast zum in den Anfängen begriffenen Museumsprojekt »Markt12« im niederländischen Aalten nahe der Grenze. Das kleine, »von unten« getragene Projekt will nachdrücklich ein deutsch-niederländisches Museum sein; es thematisiert gemeinsame Erfahrungen wie Untertauchen, Widerstand und Kollaboration. Initiativen wie »Markt12« zeigen, dass man auf lokaler und regionaler Ebene manchmal leichter zur erinnerungskulturellen Annäherung kommt als im Bereich der nationalen Repräsentation. In dieser Hinsicht konnte man dem Gedenkstättenseminar viel Positives abgewinnen. Um Institutionen wie die Villa ten Hompel, das Niederlande-Zentrum und das Herinneringcentrum Kamp Westerbork herum ist ein sehr aktives Netzwerk deutsch- niederländischen Austauschs entstanden.6 Auch die große Zahl der Teilnehmer, darunter viele jüngere Kollegen, spiegelte ein großes Interesse am Nachbarn wider – freilich eher von deutscher Seite als umgekehrt. Und gerade hierin liegt die Schwierigkeit der Konstruktion einer »gemeinsamen« oder »europäischen« Perspektive: Sie scheint vor allem von Deutschland aus vorangetrieben zu werden. Man würde sich für Folgeveranstaltungen wünschen, dass sich niederländische Institutionen wie zum Beispiel das Nationalmuseum in Overloon, das Niederländische Institut für Kriegsdokumentation (NIOD) oder das Duitsland-Institut (beide in Amsterdam) beteiligen würden. Denn von einem gleichberechtigten Treffen kann erst dann die Rede sein, wenn die deutsche Erinnerungskultur und die Tendenz zur »Europäisierung« aus niederländischer Sicht mit gleicher Selbstverständlichkeit diskutiert werden.

1 Claudia Lenz, Jens Schmidt und Oliver von Wrochem (Hg.): Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit, Hamburg 2002 (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=2571, Rezension Harald Schmid). Vgl. z.B. auch die aktuellen Debatten um die Etablierung des 17. Juni 1953 als europäisches (Gedenk-) Ereignis oder die europäische Perspektive in: Etienne François und Hagen Schulze (Hg.): Deutsche Erinnerungsorte, Band 1, München 2001, S. 9–24.
2 www.muenster.de/stadt/villa-ten-hompel/. Die jetzige Dauerausstellung wurde im Mai 2001 eröffnet.
3 Aus der Fernsehserie »De Bezetting«, die zwischen 1960 und 1965 ausgestrahlt wurde.
4 Zu den Arbeiten, die in den Niederlanden größere Kontroversen hervorgerufen haben, gehören: Nanda van der Zee, Om erger te voorkomen. De voorgeschiedenis en uitvoering van de vernietiging van het Nederlandse jodendom tijdens de Tweede Wereldoorlog, Amsterdam 1997 (dt. Übersetzung: Um Schlimmeres zu verhindern. Die Ermordung der niederländischen Juden: Kollaboration und Widerstand, München 1999), und Chris van der Heijden: Grijs verleden. Nederland en de Tweede Wereldoorlog, Amsterdam 2001.
5 So gibt es nach wie vor Kontroversen um deutsche Opfererfahrungen (Bombenkrieg und Vertreibung), um niederländische Täterschaft beim »Raub« jüdischen Besitzes und um die Entmoralisierung der Besatzungszeit zur »grauen« Vergangenheit (vgl. Chris van der Heijden, wie Anm. 4). Und die niederländische Weigerung, 1995 zusammen mit den Deutschen zu gedenken und zu feiern, könnte auch anders gewertet werden als mit Wielengas Genugtuung darüber, dass das Thema immerhin erstmals öffentlich diskutiert worden sei.
6 Als publizierte Ergebnisse vgl. die Tagungsbände: Johannes Houwink ten Cate und Alfons Kenkmann (Hg.): Deutsche und holländische Polizei in den besetzten niederländischen Gebieten. Dokumentation einer Arbeitstagung, Münster 2002 (=Villa ten Hompel Aktuell 2); Jahrbuch des Zentrums für Niederlande-Studien 12 (2001), Themenheft zur Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur in Deutschland und den Niederlanden.

Bibl.:
Krijn Thijs : Vergleichen, Austauschen, Abstimmen? : Niederländische und deutsche Erinnerungskultur . In: GedenkstättenRundbrief 114, Jg. 82003

Fort Breendonk

Das Lager Breendonk: vom SS-Auffanglager bis zum Mahnmal für Menschenrechte (Rb 127)
Nefors, Patrick
»Die Hölle von Breendonk, Breendonk-der-Tod«, »das Lager des schleichenden Todes«,… die Titel dieser Memoiren von Ex-Gefangenen des Auffanglagers Breendonk lügen nicht. In Belgien ist Breendonk, das Lager der Sicherheitspolizei-Sicherheitsdienstes (Sipo-SD), schon mehr als sechzig Jahre lang das Symbol »par Excellenze« von den Schrecken der Nazibesetzung: das drillharte Lagerregime, die Folterungen und Exekutionen verliehen ihm den Ruf, eine Hölle zu sein. Um die Erinnerung daran am Leben zu erhalten, verlieh ihm das belgische Parlament im Jahr 1947 den Status eines nationalen Mahnmals. Ende des letzten Jahrhunderts wurde deutlich, dass das aus den 50er Jahren stammende Museumswerk dringender Erneuerungen bedurfte. Mit Unterstützung des Verteidigungsministeriums wurden die Renovierungsarbeiten zügig vorangetrieben. Im Mai 2003 wurde die Gedenkstätte durch König Albert II feierlich eingeweiht. Seither steigen die Besucherzahlen ständig.

Von der Festung zum Auffanglager1
Vor dem Zweiten Weltkrieg war der Name Breendonk nur denjenigen ein Begriff, die die militärische Geschichte kannten. Auf dem Grundgebiet der kleinen Gemeinde Breendonk wurde 1906 eine Festung gebaut. Sie gehörte zu einem Gürtel von Festungen, die die wichtige Hafenstadt Antwerpen umringten. Während des Ersten Weltkriegs wurde es zehn Tage lang von der deutschen Artillerie unter Beschuss genommen. Der Kommandant der Festung fiel und die Festung selbst ergab sich am 10. Oktober 1914. Der durch den Beschuss angerichtete Schaden hielt sich allerdings in Grenzen. Zwischen den Kriegen wurde die Festung kaum genutzt, doch 1939 wurde erneut daran gearbeitet, um sie brauchbar zu machen. Breendonk sollte das Hauptquartier der belgischen Armee werden. Am Tag der deutschen Invasion, dem 10. Mai 1940, machte es König Leopold III, Oberbefehlshaber der belgischen Armee, für sich und seinen Stab zu seinem Quartier. Doch bereits am 17. Mai wurde die Festung wieder verlassen: die Deutschen waren im Anzug. Am 28. Mai kapitulierte die belgische Armee.
Weniger als vier Monate später, am 20. September, brachte SS-Sturmbannführer Philipp Schmitt die ersten vier Gefangenen ins Auffanglager Breendonk, das Lager der Sipo-SD für Belgien und Nordfrankreich. Breendonk wurde damit zu einem der vielen Polizeihaftlager2 im besetzten Europa, die allerdings häufig verschiedene Namen trugen: das niederländische Amersfoort nannte man beispielsweise Polizeiliches Durchgangslager, Breendonk wiederum »Auffanglager« oder auch »Anhaltelager«. Da für Belgien und Nordfrankreich nur eine Militärverwaltung verantwortlich war, fielen die Sipo-SD und ihr Lager im Prinzip unter deren militärische Leitung. In der Praxis waren Eingriffe dieser militärischen Leitung nicht immer gleich effektiv. So trat die Militärverwaltung auf, um einige Missstände zu beseitigen, bei anderen schaute sie wiederum weg.
Allerdings sollte es ein Jahr lang dauern, bevor sich die Militärverwaltung mit Breendonk befasste. Breendonk war im ersten Jahr seines Bestehens lediglich ein kleines Lager. Erst im Januar 1941 zählte es mehr als 100 Gefangene. Bis Juni 1941 bestand die Hälfte der Lagerbevölkerung aus jüdischen Gefangenen vor allem aus Zentral- und Osteuropa als Opfer der antisemitischen Politik der Besatzer; einige unter ihnen wurden auch aus politischen Motiven (z.B. ein antifaschistischer Journalist) verhaftet. Die andere Hälfte setzte sich vor allem aus belgischen politischen Gefangenen zusammen. Zu Beginn handelte es sich nicht oder noch nicht um Mitglieder von Widerstandsgruppen, sondern um Menschen, die sich individuell oder kollektiv abweisend gegenüber der Besatzungsmacht zeigten. Ein typisches Beispiel waren belgische Patrioten, die am 11. November 1940 eine anti-deutsche Demonstration am Mahnmal des Unbekannten Soldaten organisiert hatten.
Von Beginn an war die Behandlung hart, wenngleich es in den ersten Monaten noch keine Todesopfer zu beklagen gab. Am 17. Februar 1941 starb ein älterer jüdischer Mann, Julius Nathan. Auch wenn in den kommenden Monaten noch einige Todesopfer zu verzeichnen waren, brach die eigentliche Hölle erst im Sommer 1941 los. Nach dem deutschen Einfall in die Sowjetunion am 22. Juni 1941 verdoppelte sich die Anzahl der Gefangenen in einigen Monaten durch einen Strom verhafteter Kommunisten und in Belgien verbliebener Russen. Gleichzeitig verschlechterte sich die Behandlung im Lager – Halbierung der an sich schon mageren Rationen mit Aufflackern von Gewalt –, so dass in den drei Monaten nach dem 22. Juni sechzehn Inhaftierte, meist ältere jüdische Männer, starben.
Diese Sachlage alarmierte zunächst den Oberrabbi, dann belgische höhere Kreise und auch die Militärverwaltung, die nach einer ersten gleichgültigen Reaktion die Sache doch ernst nahm. Es folgten Inspektionen, die Rationen besserten sich, ernsthaft Kranke wurden in das Krankenhaus von Antwerpen überwiesen und Gefangene, die aus nichtigem Grund verhaftet waren, wurden frei gelassen (darunter auch eine Reihe von Juden). Der erste Transport mit belgischen politischen Gefangenen in das Konzentrationslager Neuengamme am 22. September 1941 verringerte die Zahl der Lager weiter. Zwischen 1941–1944 folgten weitere Konvois in andere Lager oder Gefängnisse wie Mauthausen, Vught, Essen, Esterwegen, Buchenwald,… Insgesamt wurden zwei von drei Breendonk-Gefangenen deportiert; nur einer von zwei Breendonk-Gefangenen überlebte den Krieg. Die Mehrzahl starb also fern der Heimat.
Im Frühjahr 1942 befanden sich immer noch etwa hundert Gefangene im Lager. Nach Eingriffen der Militärverwaltung ging es ein Jahr lang weniger schlecht in Breendonk zu (nur ein Toter zwischen Oktober 1941 und September 1942). Allerdings änderte sich 1942 die Zusammensetzung der Lagerbevölkerung: Breendonk wurde immer mehr zum Lager für den belgischen Widerstand. Im Sommer 1942 wurde die jüdische Lagerbevölkerung zur kleinen Minderheit nachdem die Dossinkaserne von Mechelen als Judensammellager vor der Deportation nach Auschwitz eingerichtet wurde.
Die veränderte Zusammensetzung der Lagerbevölkerung spiegelte sich in der Architektur des Lagers wider. In den Jahren 1941–1942 wurden zwei Stuben in Zellblöcke mit Isolierzellen umgeformt, in denen Widerständler in Einzelhaft gehalten werden konnten. Dort mussten sie den ganzen Tag aufrecht stehen und verließen die Zelle nur, um unter Bewachung und mit einer Kapuze über dem Kopf ihren Nachttopf auszugießen. Danach wurde im Sommer 1942 eine Folterkammer eingerichtet, um Widerständler einem sogenannten »verschärften Verhör« zu unterziehen. Einer von ihnen war der in Belgien verbliebene Österreicher Hans Maier. Als Jean Améry veröffentlichte er seine Beobachtungen über »Die Tortur« in seinem Werk »Jenseits von Schuld und Sühne«: »Es war für einmal vorbei. Es ist noch immer nicht vorbei. Ich baumele noch immer, zweiundzwanzig Jahre danach, an ausgerenkten Armen über dem Boden, keuche und besichtige mich. Da gibt es kein Verdrängen.«
Im November 1942 wurde schließlich noch ein Hinrichtungsort angelegt. Bis zur Befreiung wurden 164 Menschen als Vergeltung für Partisanenanschläge exekutiert. Sie wurden von Wehrmachtssoldaten – nur einmal erschien eine SS-Einheit – oder auf Befehl der Militärverwaltung erschossen. Nach Mai 1943 wurden weitere 21 Gefangene nach ihrer Verurteilung gehenkt.
Rechnet man die Exekutionsopfer, die auch nicht auf das Konto der Lagerverwaltung gingen, nicht mit, dann waren die Monate zwischen September 1942 und März 1943 die blutigsten in der Geschichte des Auffanglagers. Die kleine Hälfte von 84 Toten, die auf Rechnung der Lagerverpflegung ging, starb während dieser Zeit. Etwa ein Dutzend Gefangener wurden an der Wassergrabenkante nach einem grausamen Katz- und Mausspiel getötet; fast alle dieser Opfer waren Juden. In dieser Zeitspanne hatten auch Hunger und Unterernährung wieder zugenommen, was erneut zu einem Eingreifen der Militärverwaltung führen sollte. Sie schaute zwar hinsichtlich der Gewalttaten weg, unternahm jedoch etwas, um den Gefangenen mehr Essen zukommen zu lassen. Ab Ende des Jahres 1943 erfolgte sogar eine substantielle Verbesserung der Essensrationen, als die Wohlfahrtseinrichtung »Leopold III Tehuis« die Zulassung erhielt, Nahrung (und Kleider) für die Gefangenen zu liefern, auch wenn ein Großteil davon von der SS für eigenen Verbrauch oder Verkauf auf dem Schwarzmarkt abgezweigt wurde. Auch die Auswechselung des Lagerkommandanten während dieser Periode hatte eher günstige Auswirkungen. Schmitts Nachfolger, SS-Sturmbannführer Karl Schönwetter wollte sicherlich die schlimmsten Missstände beseitigen. Allerdings verfügte er nur über eine schwache Persönlichkeit, so dass er nur teilweise Erfolg hatte. Während des letzten Besatzungsmonats flackerte erneut hier und da Gewalt auf.

Nach der Befreiung
Als die alliierten Armeen in Belgien aufrückten, wurde Breendonk evakuiert. Ende August wurden die noch im Lager verbliebenen Gefangenen in die Lager von Neuengamme und Vught deportiert. Danach nahmen auch die Bewacher Reißaus. Am Morgen des 4. September 1944 fuhren britische Panzer am leeren Lager vorbei, das noch am gleichen Tag durch Widerstandsgruppen eingenommen wurde. Von da an diente das Lager dem Widerstand als Gefängnis für Kollaborateure oder der Kollaboration verdächtigte Personen. Nach vier Jahren Besatzung saß der Hass gegenüber all denen, die mit dem Besatzer zusammengearbeitet hatten, sehr tief. Die Geschehnissen in Breendonk verstärkten diese Hassgefühle weiter. Kollaborateure wurden misshandelt, vermutlich einer kam dabei ums Leben. Es dauerte noch bis Mitte Oktober, bevor der belgische Staat diesem Treiben ein Ende bereitete und das Lager räumen ließ. Zwischen 1945 und 1946 kam das Lager erneut als Internierungszentrum für Kollaborateure in Gebrauch, diesmal jedoch als offizielles Gefängnis des belgischen Staates; von Misshandlungen war keine Rede mehr. Die Zeitspanne zwischen dem 4. September und dem 11. Oktober 1944 ging in die Geschichte als »Breendonk II« ein. In Kreisen flämisch-nationalistischer Ex-Kollaborateure wird seither ständig versucht, die Entgleisungen von »Breendonk II« als mindestens ebenso schlimm erscheinen zu lassen wie die Gräuel in dem NS-Lager Breendonk in der Zeit bis Anfang September 1944.
Im Jahr 1946 wurde 23 »Henker von Breendonk««, wie sie im Volksmund allgemein genannt wurden, vor ein belgisches Militärgericht gebracht. Das Interesse an diesem »Prozess von Mechelen« war in der belgischen Bevölkerung sehr groß. Die Angeklagten waren sowohl flämische SSler (die ab September 1941 in Breendonk eingesetzt wurden) als auch »Funktionshäftlinge« (Kapo’s, im Sprachgebrauch von Breendonk auch Vorarbeiter, Stubenälteste, die auch »Zugführer« genannt wurden) und flämische Bürgerarbeiter. Die berüchtigsten unter ihnen waren die SSler Wyss, der wegen 16 Fällen von Mord und Totschlag angeklagt wurde und De Bodt sowie der jüdische Obervorarbeiter Walter Obler aus Wien, die alle den Tod mehrerer Gefangener zu verantworten hatte. Sechzehn der Henker wurden zum Tode verurteilt, davon zwei, darunter auch De Bodt, in Abwesenheit: zwölf wurden erschossen. Im Jahr 1949 folgte der Prozess von Lagerkommandant Schmitt. Seine Exekution im Jahre 1950 war die letzte, die in Belgien stattfand. Die Umwandlung der Todesstrafe des erst 1951 verhafteten Richard De Bodt in lebenslange Gefangenschaft empörte die belgischen politischen Gefangenen. Ihr massiver Protest führte zwar zum Rücktritt des Justizministers, änderte jedoch nichts an dem Urteil für De Bodt, der 1975 im Gefängnis starb.
Andere deutsche SSler kamen glimpflich davon. Zwar gerieten einige von ihnen nach dem Krieg in belgische Gefangenschaft, wurden aber, von einigen Ausnahmen abgesehen, wieder frei gelassen, manchmal allerdings erst nach Monaten oder Jahren Gefängnis. Die meist gefürchteten deutschen SSer wurden nie gefasst. SS-Untersturmführer Arthur Prauss, der die Aufsicht über die Gefangenen hatte, soll im April 1945 in Berlin umgekommen sein. SS-Obersturmführer Johann Kantschuster, der höchstwahrscheinlich hinter den Morden am Wassergrabenrand stand – blieb nach 1945 vermisst. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre leitete das deutsche Gericht eine Untersuchung über die Schuld des zweiten Lagerkommandanten Schönwetter und andere deutsche SSler von Breendonk ein; da das deutsche Recht nur noch die Verfolgung von Personen zuließ, die sich persönlich an Mord und Totschlag schuldig gemacht hatten, wurden schließlich diese Verfahren eingestellt.

Eine Nationale Gedenkstätte
Nach dem Krieg machten sich einige prominente Ex-Gefangene Sorgen um die Bestimmung und die Konservierung der Stätte. »Die grausigen Grabenböschungen von damals« waren in »blumenreiche Gärtchen« umgewandelt, schrieb der Zeitzeuge Paul Lévy. Ein anderer Mitgefangener, das sozialistische Parlamentsmitglied Gaston Hoyaux, hatte sich im Jahr 1946 während der jährlichen Erinnerungsfeierlichkeiten über die Reaktion des Publikums geärgert: die Menge hatte sich vor den Eingang des Lagers geschoben und die früheren Gefangenen zu Seite gedrängt. Seiner Ansicht nach waren sie nicht nach Breendonk gekommen, um die Opfer zu ehren, sondern aus ungesunder Neugier, um die (damals dort einsitzenden) Kollaborateure anzustarren und zu beleidigen. Kinder waren auf die Festungswälle geklettert, so als ob sie in den Dünen spielten, und Erwachsene auf das Schafott des Galgens….Kurz,: »Breendonk war Breendonk nicht mehr! Die Hölle war verändert.« , wetterte Hoyaux im Parlament. Gleichzeitig brachte er einen Gesetzentwurf ein, um Breendonk zu einem nationalen Mahnmal auszurufen. Mit dem Gesetz vom 19. August 1947 hatte er sein Ziel erreicht. Dieses Gesetz ermöglichte die Errichtung eines autonomen öffentlichen Vereins mit eigener Rechtspersönlichkeit, an die der belgische Staat seine vollen Eigentumsrechte an der Festung sowie deren Einrichtungen abtrat. Die Verwaltung dieses neuen Vereins wurde in die Hände eines Verwaltungsrates gelegt, der von früheren Gefangenen überwacht wird.3
Kraft Gesetz wurde auch der Auftrag des Mahnmals festgelegt: Neben dem Erhalt des Ortes mussten auch »alle nützlichen Maßnahmen durchgeführt werden, um das Andenken an die Festung von Breendonk als auch die Ereignisse, die dort geschehen sind, im Geiste der Nation in Erinnerung zu behalten, den Bürgersinn wach zu halten und die vaterlandsliebende Erziehung der Jugend zu fördern«. Die Erinnerung an das tragische Kriegsgeschehen ist in Breendonk somit in eine stark patriotisch gefärbte Beweisführung eingebettet, die auch »Lektionen aus dem Krieg« einbeziehen wollte. So wies Hoyaux beispielweise auch darauf hin, dass der Krieg auch die Demokratie konsolidiert hatte. Der erste Konservator (und spätere Vorsitzende), der Ex-Gefangene und Journalist Paul M. G. Lévy, erklärte anlässlich der Eröffnungszeremonie, dass Breendonk auch »die Aufmerksamkeit auf die Unmenschlichkeit von Diktaturen lenken und eine Lektion in Sachen Liebe, Brüderlichkeit und Bescheidenheit sein muss«.
Sowohl die patriotische Einfärbung als auch die Tatsache, dass die Verwaltung auf den Schultern früherer Gefangener lag, hatte auch Folgen für die Museumstechnik selbst. Erstens wurde bis dahin kaum darauf geachtet, wer die Gefangenen von Breendonk individuell waren. Nach dem bis dahin geltenden Verständnis war Breendonk der Ort, wo tapfere Belgier gelitten hatten, damit andere in Freiheit leben konnten. Eine solche Vorgabe schließt von vorne herein aus, die Diversifizierung der Lagerbevölkerung in den Vordergrund zu rücken: eine Diversifizierung sowohl nach Rassen (Juden, Nicht-Juden), nach Verhaftungsgründen (aus Rassismus, als Geisel, wegen anti-deutscher Haltung, wegen Widerstandstätigkeiten) als auch nach politischer, antideutscher Einstellung. Die heutige Porträtgalerie von Gefangenen im ersten Museumssaal, die gerade ein solches repräsentatives Bild zeichnen will, wäre früher undenkbar gewesen. Selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts stieß diese Auswahl, die eigentlich ohne große Diskussion vom wissenschaftliche Ausschuss der Gedenkstätte gutgeheißen wurde, auf einigen Widerstand seitens mancher Ex-Gefangener, die sich selbst, die eigene Familie oder das eigene Wohngebiet nicht als hinreichend berücksichtigt sahen. Vor fünfzig oder sechzig Jahren wäre eine solche Auswahl auf unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten gestoßen. In internen Kreisen der Gedenkstätte entbrannte in den ersten Nachkriegsjahren dann auch ein politischer Streit, bei dem sich vor allem Katholiken und Kommunisten gegenüber standen. Die ersteren gewannen den Streit, da für die nicht-kommunistischen streng »Antiklerikalen« (dixit Lévy) im Verwaltungsrat die antikommunistische Haltung stärker als die antiklerikale war.
Auch das Interesse am »Henker von Breendonk« beschränkte sich früher auf einen einzigen Museumssaal, in dem über die zwei wichtigsten Prozesse gegen die Kriegsverbrecher von Breendonk informiert wurde (der Mechelen-Prozess und der Prozess gegen Schmitt). Damals wurden die Hintergründe dieser Individuen nicht hinreichend vertieft, wie es gegenwärtig in der wissenschaftlichen Literatur üblich ist. In dem Raum, der zwischen 1940/41 als SS-Büro diente, wird nun über die Lebensläufe der wichtigsten deutschen und flämischen SSer des Lagers informiert.
Noch weniger denkbar wären die Auskünfte im letzten Saal über die Breendonk II-Epoche zwischen September und Oktober 1944. Auch auf dieses weniger glorreiche Blatt in der Geschichte des Lagers wird nun kurz eingegangen und die begangenen Handlungen in ihren geschichtlichen Zusammenhang gerückt.
Viel Aufmerksamkeit in der Gedenkstätte »alten Stils« wurde der Rolle von Monseigneur Gramman, Hauptfeldgeistlicher der Wehrmacht für Belgien und Nordfrankreich, gewidmet. Dieser österreichische Prälat durfte den zum Tode Verurteilten in der letzten Stunde vor ihrem Tod beistehen und nannte sich »Priester für die Katholiken und Freund für alle anderen«. Seine menschlichen Verdienste wurden nie bezweifelt, doch seine Rolle wird in den Augen vieler Nicht-Katholiken zu stark hervorgehoben (so kam in der zur Gedenkstätte umgewandelten ehemaligen Schneiderei ein großer Altar zu Ehren von Mgr. Gramman hinzu). Seit der Renovierung ist dieser Saal dem Thema Lagerschneiderei gewidmet, während an Mgr. Gramman im rein geschichtlichen Zusammenhang in einem anderen Saal gedacht wird. Der Hauptverantwortliche für die Mgr. Gramman gewidmete Aufmerksamkeit war der bereits genannte Paul M.G. Lévy, ein zum Katholizismus Bekehrter jüdischen Ursprungs, der mit Gramman befreundet war.
Mit den Jahren verlor die patriotische Erinnerung in der belgischen Gesellschaft immer mehr an Bedeutung. Parallel dazu sank auch das Interesse an Breendonk, auch wenn es dafür noch andere Ursachen gab. Breendonk war in den 60er und 70er Jahren vor allem Opfer des abnehmenden Interesses für den Zweiten Weltkrieg in einer Wohlstandsgesellschaft, die die grauen Kriegsjahre so schnell wie möglich vergessen wollte. Eine andere Erklärung musste man innerhalb der eigenen vier Wände suchen. Im Laufe der Jahre veraltete die Museumstechnik, mit der die Geschichte von Breendonk dargestellt werden sollte, immer stärker. Nach einer Spitze von 109 731 Besuchern im Jahr 1949 sank diese Zahl immer weiter. Vor allem für die Protestgeneration der 70er Jahre hatte Breendonk keine Botschaft mehr.
Mit 40 066 Besuchern war 1983 der absolute Tiefpunkt erreicht. Im Laufe der 90er Jahre stiegen die Besucherzahlen wieder an. Immer mehr Schulen fanden den Weg zum Mahnmal. Das neu erwachte Interesse war, zumindest bis vor der Renovierung im Jahr 2003, rein externen Faktoren zu danken: Das Interesse am Zweiten Weltkrieg wurde durch die Gedenken in den Jahren 1984–85 und 1994–95 wieder geweckt.

Eine neue Museumsordnung
Um auf das neu erwachte Interesse einzugehen und es sogar noch zu verstärken, war eine Renovierung dringend erforderlich. Auch wenn schon früher darüber nachgedacht wurde, kam es erst im Jahr 2000, unter dem Vorsitz von Prof. em. Roger Coekelbergs, zu ersten konkreten Schritten. Coekelbergs, zuvor im Widerstand (er war einer der regional Verantwortlichen des größten belgischen Geheimdienstes) war selbst früherer Gefangener.
Die alte Stätte wurde durch die neuesten Museumstechniken aufgerüstet: Video, Fotos und Audio-Führer4 geben in einfacher, doch effizienter Art darüber Auskunft, was es hieß, Gefangener in einem SS-Auffanglager gewesen zu sein. Der Rundgang durch die Stätte wurde ausgedehnt und ist nun zwei Mal so lang wie früher: zuvor nicht zugängliche Räume wie Duschen, Toilettenräume und Ställe sind nun zu besichtigen. Wo früher nur rudimentäre Auskunft über das Leben der Gefangenen gegeben wurde, erhalten Besucher jetzt ein Totalbild. Der Rundgang wurde um drei neue Museumssäle bereichert. Hintereinander geben sie eine Übersicht, wer die Gefangenen waren (mittels einer sogenannten Porträtgalerie), zeigen, dass Breendonk nur ein Rädchen im gesamten nationalsozialistischen Repressionsapparat war (mit Verweisen auf andere Gefängnisse und Exekutionsplätze in Belgien sowie auf Konzentrationslager, die die Endbestimmung für viele Gefangene waren) und geben Auskunft über Breendonk nach der Befreiung.
Die neue Gedenkstätte will also auf knappe, aber korrekte und so objektiv wie mögliche Art und Weise zeigen, was hier während des Zweiten Weltkriegs passiert war. Nirgendwo sind die Botschaften aufdringlich. Nur am Ende, im vierten Saal, wird ein kleiner Film gezeigt, der zu einem weiteren Nachdenken über Menschenrechtschändungen überall in der Welt einlädt. Breendonk präsentiert sich gegenüber der Außenwelt mehr und mehr als »Memorial der Menschenrechte«. Bei Schulen wird erwartet, dass die Lehrer angepasste pädagogische Begleitung liefern. Seit September 2003 werden monatlich niederländisch- und französischsprachige Seminare für das Lehrpersonal organisiert. Die Steigerung der Besucherzahlen war seit der Renovierung spektakulär: von 52 289 für 2002 auf 82 020 für 2004. Da Ende Juni 2005 bereits 52 000 Besucher gezählt wurden, wird die Endjahresziffer deutlich höher liegen. Der heutige Vorsitzende will den Weg der Erneuerung fortsetzen. Es bestehen Pläne, um an die Stelle neben dem Eingangsgebäude, wo während des Krieges die Baracken für die Wehrmachtssoldaten standen, ein neues Gebäude zu errichten: damit kann die Gedenkstätte über weitere Räumlichkeiten für zeitliche Ausstellungen sowie eine Mensa für besuchende Schüler verfügen. Es besteht Hoffnung, diese Pläne bereits im Jahr 2006 zu verwirklichen.

1 Die nachfolgende geschichtliche Übersicht basiert auf meinem bisher nur auf Niederländisch
erschienenen Buch »Breendonk 1940–1945: Die Geschichte«, Standaard Verlag Antwerpen, 2004,
400 Seiten. Eine französische Fassung erscheint Anfang November 2005.
2 Siehe auch Verweis von Wolfgang Benz in seinem Buch: Nationalsozialistische Zwangslager.
Ein Überblick. In: Benz & Distel (Hg.) Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 1. Die Organisation des Terrors, CH. Beck, München, S. 17: »Das Feld der ›Polizeihaftlager‹ im nationalsozialistischen Herrschaftsgebiet ist noch weitgehend unerforscht.«
Der geplante siebente Band von Der Ort des Terrors soll jedoch auch einen Überblick geben.
3 Im Jahr 2003 wurde das Gesetz geändert. Breendonk ist seither nicht mehr autonom, sondern eine öffentlich-rechtliche Einrichtung unter der Vormundschaft des Verteidigungsministers.
Im Verwaltungsrat sitzt seither nur noch ein Ex-Gefangener, der Vorsitzende Roger Coekelbergs.
4 Audio-Führer sind für individuelle Besucher vorgesehen. Gruppen bekommen Führungen
Bibl.:
Nefors, Patrick : Das Lager Breendonk: vom SS-Auffanglager bis zum Mahnmal für Menschenrechte (Rb 127). .

Mechelen

Das Jüdische Deportations- und Widerstandsmuseum im belgischen Mechelen
PERSPEKTIVEN DER HISTORISCH-POLITISCHEN BILDUNGSARBEIT

Tanja von Fransecky

Im Folgenden werde ich das Jüdische Deportations- und Widerstandsmuseum (Joods Museum voor Deportatie en Verzet/ Musée Juif de la Déportation et de la Résistance) im belgischen Mechelen und seine pädagogische Arbeit vorstellen.1 Das Museum ist 1995 eröffnet worden. Es befindet sich am Ort des ehemaligen SS-Sammellagers für Juden in Belgien, das im Sommer 1942 von dem Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich eingerichtet wurde.

Geschichte des SS-Sammellagers Mechelen
Am 10. Mai 1940 marschierten deutsche Truppen in das neutrale Belgien ein. Nach 18 Tagen kapitulierte die belgische Armee. Die deutschen Besatzer etablierten eine Militärverwaltung mit dem Infanteriegeneral Alexander von Falkenhausen an der Spitze. Das Territorium, welches unter seiner Verwaltung stand, umfaßte neben Belgien auch zwei nordfranzösische Departements.
Am 28. Oktober 1940 ordneten die Besatzer an, dass sich alle Juden ab dem 15. Lebensjahr in ihrem Wohnort in ein Register eintragen lassen mußten. 56 186 Juden haben sich daraufhin belgienweit eintragen lassen. Am 29. Juli 1941 kam der im April desselben Jahres zum belgischen Minister des Inneren und der Volksgesundheit ernannte Gerard Romsée (Vlaams Nationaal Verbond) der Forderung der Besatzer nach, allen Juden den Zusatz »Jood-Juif« in den Personalausweis zu stempeln. Gleichzeitig wies er alle Bürgermeister an, eine Kopie des lokalen Judenregisters an die Sicherheitspolizei in Brüssel abzugeben. Am 29. August 1941 wurde den Juden in Belgien eine Aufenthaltsbeschränkung auferlegt. Sie durften nur noch in den Städten Brüssel, Antwerpen, Liège und Charleroi wohnen. Am 17. Januar 1942 wurde ihnen verboten, das Land zu verlassen. Im Frühjahr 1942 wurden fast alle 7 408 Betriebe in jüdischem Besitz enteignet und liquidiert, die übrigen, in der Regel metallverarbeitende Betriebe, wurden »arisiert«. Es folgte am 22. April 1942 eine Verordnung, die »den Verfall des Vermögens von Juden zu Gunsten des deutschen Reiches«2 anordnete. Am 27. Mai 1942 wurde das Tragen des sogenannten Judensterns obligatorisch. Ab dem 1. Juni 1942 wurde für Juden eine Ausgangssperre von 20 Uhr bis 7 Uhr verhängt. Während dieser Zeit mußten sie sich an dem Ort befinden, wo sie laut dem Judenregister wohnten. Mitte Juni 1942 meldete der Chef des Verwaltungsstabs beim Militärbefehlshaber Eggert Reeder: »Mit den vorstehend genannten Massnahmen kann die Judengesetzgebung in Belgien nunmehr als abgeschlossen betrachtet werden. Die Juden haben nur noch äusserst beschränkte Lebensmöglichkeiten. Der nächste Schritt wäre nunmehr die Evakuierung aus Belgien, die jedoch nicht von hier aus, sondern nur im Zuge der allgemeinen Planung von den zuständigen Reichsstellen veranlasst werden kann.«3
Am 15. Juli 1942 beauftragte der Vizechef der Militärverwaltung Harry von Craushaar den Lagerleiter des seit September 1940 von der Sicherheitspolizei betriebenen Auffanglagers im Fort Breendonk SS-Sturmbannführer Philipp Schmitt damit, die Einrichtung eines Sammellagers in Mechelen »für den Arbeitseinsatz der Juden in die Wege zu leiten.«4
Mechelen liegt zwischen Antwerpen und Brüssel, zwischen den beiden Städten in denen es die größten jüdischen Gemeinden gab. Direkt neben dem dort eingerichteten Lager verlief eine Bahnstrecke. In Mechelen wurden die Juden aus Belgien interniert, um sie von hier aus in die Vernichtungslager zu deportieren. Sie wurden ihrer letzten Wertsachen beraubt, mit einer Nummer versehen und mussten unter erbärmlichen Lebensumständen auf die Fahrt in den Tod warten. Bereits am 4. August 1942 verließ der erste Deportationszug mit 998 Insassen das Lager. Innerhalb der folgenden drei Monate wurden zwei Drittel aller jüdischen Deportierten zum »Arbeitseinsatz« in den Osten verschleppt.5 Zwischen dem 4. August 1942 und dem 31. Juli 1944 fuhren 28 Deportationszüge von Mechelen nach Auschwitz ab. In 27 Zügen wurden Juden verschleppt. Die ebenfalls in Mechelen internierten Sinti und Roma wurden am 15. Januar 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert.
Insgesamt 24 916 Juden und 351 Sinti und Roma sind von Mechelen aus deportiert worden. Auch die Juden aus den beiden vom Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich mitverwalteten nordfranzösischen Departements Nord und Pas-de-Calais sind über Mechelen in den Osten verschleppt worden. Von den 56 186 registrierten Juden sind 24 046 (42 %) im Rahmen der Shoah ermordet worden. Am 8. Mai 1945 lebten von den insgesamt 25 267 Deportierten nur noch 1 221.

Erinnerungspolitik in Belgien
Nach der Befreiung im September 1944 pflegte vor allem der frankophone Teil Belgiens Erzählungen vom heroischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer, während den Flamen nicht zu unrecht aber zu pauschal die Kollaboration mit den Deutschen vorgehalten wurden. Viele Flamen sind aufgrund von Kollaboration strafrechtlich verurteilt worden. Eine große rechte bis rechtsextreme Sympathisantenszene forderte daraufhin jahrzehntelang lautstark eine Amnestie für die inhaftierten Nazi-Kollaborateure.
Mit teilweise heftig ausgetragenen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Sprachgruppen Belgiens um die Deutungshoheit über die jüngste belgische Vergangenheit, bei gleichzeitigem nationalen Rekurs auf Heldengeschichten des nichtjüdischen Widerstands, kann erklärt werden, warum die 1947 gegründete Nationale Gedenkstätte Fort Breendonk vergleichsweise früh und das 1995 eröffnete Jüdische Deportations- und Widerstandsmuseum in Mechelen vergleichsweise spät eröffnet wurden. Die verfolgten und ermordeten Juden hatten bis in die 90er Jahre im belgischen Erinnerungsdiskurs keinen Platz. So erinnert sich Sarah Goldberg, eine Auschwitz-Überlebende »dass man Ende der fünfziger Jahre – sie war damals Sekretärin der Belgischen Vereinigung der ehemaligen politischen Gefangenen von Auschwitz-Birkenau – viel von der Résistance und den Widerstandskämpfern sprach, aber als Jude deportiert worden zu sein, das war fast eine Schande«.6 Die späte Erinnerung ist gewiß auch darin begründet, dass die aus Belgien deportierten Juden nur zu sieben Prozent die belgische Staatsangehörigkeit besaßen und damit überwiegend nicht als belgische Opfer galten.

Das Jüdische Deporations- und Widerstandsmuseum
Die Initiative, an dem Ort des ehemaligen SS-Sammellagers ein Museum zu gründen, ging von jüdischen Überlebenden und deren Angehörigen aus. Nach der Befreiung Belgiens wurde die Dossin-Kaserne, in der das Lager errichtet worden war, erneut vom belgischen Militär genutzt. Seit 1956 organisierte die Vereniging voor Joodse Weggevoerden in België – Zonen en Dochters van de Deportatie (Vereinigung jüdischer Deportierter in Belgien – Söhne und Töchter von Deportierten) anläßlich des Befreiungstags im September alljährlich eine Gedenkveranstaltung vor dem Portal der Kaserne. In einem Raum in der Kaserne wurde eine Ausstellung installiert, die an ihre Funktion als Sammellager erinnerte. Zwischen 1975 und 1988 stand die Kaserne leer und verfiel. Es gab Pläne, sie abzureissen, Supermarktketten zeigten sich an der Immobilie interessiert. Letztendlich wurden dort Appartements eingerichtet. Jüdische Überlebende und deren Angehörige, die sich schon seit längerem für die eine Gedenkstätte und ein Museum am historischen Ort einsetzten, fanden schließlich Unterstützung in der Politik. In dem Quergebäude an der Stirnseite der ehemaligen Kaserne wurden sukzessive Wohnungen angekauft und dem zu gründenden Museum zugeschlagen. Am 7. Mai 2005 eröffnete der König das Museum.
Im Jahr 2012 soll das Museum in einen Neubau gegenüber dem heutigen Standort umziehen, während das Archiv und die Verwaltung am historischen Ort bleiben werden. Der Erinnerungsort, der «Kazerne Dossin, Memoriaal, Museum en Documentatiecentrum over Holocaust en Mensenrechten» heißen soll, wird räumliche Möglichkeiten wie beispielsweise Seminarräume bieten, die das bisherige Museum nicht hat. Für die Bildungsarbeit bedeutet das, dass schulische und ausserschulische Angebote entwickelt werden können, die bisher aufgrund des Platzmangels nicht durchführbar waren.

Die Bildungsarbeit des Museums
Das Museum wird jedes Jahr von etwa 36 000 Menschen, meist Schulklassen, besucht. Die Besucher und Besucherinnen werden von geschulten Guides durch das Museum geführt. Räumlich ist alles sehr eng, nicht selten warten Schulklassen draußen vor der Tür bis der Vorraum, in dem die Führung beginnt, frei wird. Eine Bildungsarbeit, die über die Vermittlung von Wissen während der Führungen hinausgeht, kann hier aus räumlichen Gründen nicht stattfinden. Oftmals wird der Besuch des Museums mit dem Besuch des zwölf Kilometer entfernt gelegenen Breendonk Memorial kombiniert, so dass die Schüler und Schülerinnen an einem Tag zwei Führungen durch NS-Gedenkstätten verarbeiten müssen.
In der Bildungskonzeption des Museums werden Abstraktionen vorgenommen und Zusammenhänge hergestellt, die kritisch zu hinterfragen sind. Da diese sich auch in Bildungsansätzen in deutschen NS-Gedenkstätten oft finden lassen, halte ich es für sinnvoll, diese Aspekte in der Hoffnung auf eine Auseinandersetzung über die pädagogische Zielrichtung anzusprechen: Für Lehrkräfte sind die pädagogischen Leitlinien des Museums vor einigen Jahren in einer didaktischen Handreichung7 festgehalten worden. Darin heißt es u.a., der Genozid könne nicht nur anhand von historischen Fakten vermittelt werden, sondern man müsse »an die Wurzel des Übels gehen«, »den Rassismus begreifen als eine Ablehnung von allen, die nicht derselben Rasse, Blut, Nation, Volk oder auch demselben Geschlecht, Kultur oder Kirche angehören«8. Die Gleichsetzung von Diskriminierung und tödlicher Verfolgung und die von Antisemitismus mit Rassismus ist analytisch irreführend. Zudem wird die Problematik, die sich aus der positiven Bezugnahme auf eine konstruierte exklusive Zugehörigkeitskategorie wie die des Volks ergibt, nicht weiter thematisiert. Die in der Handreichung formulierte Einschätzung die Entscheidung für ein rassistisches Weltbild sei eine freiwillige Wahl, verkennt zudem, dass Rassismus, wie auch Antisemitismus nicht nur das Ergebnis individueller Vorurteile sind, sondern vor allem das Resultat von Ungleichheiten, die gesellschaftlich vermittelt und für die Gesellschaft insgesamt konstitutiv sind. Konstruktionen und Gruppenzuschreibungen entstehen im Spannungsfeld zwischen Individuum und sozialer Umgebung. Einstellungen müssen deshalb in ihrem gesellschaftlichen Entstehungszusammenhang und mit Blick auf den daraus resultierenden mehrheitsgesellschaftlichen Mehrwert analysiert werden. Eine Pädagogik, die lediglich Vorurteile oder Ideologien der Ungleichheit anhand von Fakten widerlegen will, wird dem nicht gerecht.
Es stellt sich die Frage, ob der Eingangsimpuls der Ausstellungsführungen, der so oder so ähnlich auch häufig in der historisch-politischen Bildungsarbeit in Deutschland eingesetzt wird, zu den richtigen Erkenntnissen führt.

Familienalbumfotos von Juden, die von Mechelen aus deportiert wurden, werden vorgestell. Den Schulklassen wird die Frage gestellt, wer auf diesen Fotos jüdisch sei. Die Schüler deuten in der Regel auf dunkelhaarige Personen mit markanter Nase oder, wenn sie meinen, auf einem Foto Hinweise auf Reichtum oder religiöse Insignien des Judentums entdeckt zu haben. Hier soll gleich zu Beginn des Rundgangs das Vorurteil vom reichen, desintegrierten und orthodoxen Juden bekämpft werden, indem anhand von anderen Fotos erklärt wird, dass es auch arme, assimilierte und wenig oder gar nicht religiöse Juden gab. Ob dieses Aufrufen von antisemitischen Stereotypen und die Richtigstellung im Rahmen kurzzeitpädagogischen »Einmal-Situationen«9 also ohne eine gründliche Bearbeitung sinnvoll ist, bleibt zu bezweifeln.10 Es ist unwahrscheinlich, dass sich das mitgebrachte Bild von Juden durch die Vermittlung anderer Fakten so erschüttern läßt. Vielmehr ist zu befürchten, dass dieses Vorgehen zu einer Bestätigung bestehender mitgebrachter Bilder führt.11
In den gedenkstättenpädagogischen Leitlinien heißt es auch, die Ausstellung sei betont rational konzipiert worden, da die Emotionen Reflexionen nicht verhindern dürften. In Gesprächen mit den Mitarbeitern habe ich zudem öfter gehört, das Museum habe den Auftrag (politisch) neutral zu bleiben. Was aber heißt Rationalität und Neutralität in diesem Fall?12 Diese Frage stellt sich für die Gedenkstättenpädagogik generell. Eine Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus und der Shoah kann nicht neutral sein, sie muss die Würde der Opfer schützen und sie muß dem Gegenstand angemessen sein. Damit verbietet sich ein didaktisches und inhaltliches anything goes. Doch was gegenstandsbezogen anmessen ist und der Würde der Opfer entspricht, lässt sich aus der Geschichte so wenig klar konturiert ableiten wie die Frage nach dem Transfer zwischen Geschichte und aktuellen gesellschaftlichen Problemen. Mit Blick auf den pädagogischen Auftrag entstehen zusätzliche Fragen. Wie sollen beispielsweise die didaktischen Prinzipien der politischen Bildung, das Überwältigungsverbot, die Adressatenorientierung und das Kontroversitätsgebot in der Gedenkstättenpädagogik realisiert werden? Der Besuch einer NS-Gedenkstätte ist für viele Menschen ohnehin beeindruckend oder überwältigend. Ist eine pädagogische Verstärkung im Sinne von Empathie-Lernen wünschenswert und wo wird die Grenze zur Indoktrinierung, impliziten Betroffenheitszumutungen oder Desorientierung überschritten?13 Auch das Kontroversitätsgebot, also das Gebot gesellschaftliche Kontroversen in der Bildungsarbeit kontrovers abzubilden, die Bildung einer begründeten Meinung zu ermöglichen, ist in einer NS-Gedenkstätte nur bedingt als offener Meinungsaustausch gestaltbar. Unangebrachte Analogiebildungen und Banalisierungen der historischen Zusammenhänge oder das Funktionalisieren von Biographien von Opfern sind typische Fallen.

Die zukünftige Bildungsarbeit in Mechelen
In der pädagogischen Abteilung wird aktuell, gerade auch im Hinblick auf die neuen Möglichkeiten in der Bildungsarbeit ab 2012, an einem neuen Bildungsmaterial gearbeitet. Insgesamt acht Module sollen Lehrkräften helfen, einen Besuch im Museum vor- und nachzubereiten. Die Zielgruppe sind Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren.
Das erste Modul zum Judentum und der Geschichte der Juden in Belgien zielt darauf ab, die Diversität jüdischer Perspektiven herauszustellen. Das bedeutet auch, dass es auf die Frage, was das Judentum für die Einzelnen bedeutet, unterschiedliche Antworten gibt. Es sollen mit Hinblick auf die Zielgruppe des Bildungsmoduls junge Jüdinnen und Juden zu Wort kommen, die darstellen, was ihr Jüdischsein heute in Belgien für sie bedeutet. Bildungsziel ist es dabei zu zeigen, dass Juden wie jede andere Gruppe keine homogene Gruppe mit verallgemeinerbaren Eigenschaften sind. Gezeigt werden soll aber auch, was – neben der kollektiven Erfahrung der Verfolgung – verbindend ist so z.B., was die religiöse Gemeinsamkeit von Juden ausmacht. Deshalb werden einige Elemente des Judentums, etwa die koscheren Speisegesetze und religiöse Feste, erklärt.
In dem zweiten Teil des Moduls soll die Geschichte von Juden in Belgien nachvollziehbar gemacht werden. Wie, wann und warum kamen Juden nach Belgien? Hier kann ein Ausschnitt der europäischen Migrationsgeschichte erzählt werden, beispielsweise die Bedeutung des Überseehafens in Antwerpen für die Transitmigration durch Belgien in die USA beziehungsweise nach Kanada auf der Suche nach einem besseren Leben.14 Dargestellt werden soll darüber hinaus, dass seit 1881 viele Juden vor Armut und antisemitischen Pogromen, vor allem aus dem zaristischen Rußland, aber auch aus anderen osteuropäischen Ländern, nach Belgien flohen. Aus denselben Gründen und mit demselben Ziel immigrierten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs viele Juden aus Polen. Die dritte größere Einwanderungsbewegung von Juden nach Belgien bildeten deutsche und österreichische Juden, die vor den Nazis flohen. Im Bildungsmodul sollen verschiedene Kurzbiographien die unterschiedlichen Phasen und Motive der Einwanderung und Durchwanderung verdeutlichen. Der bekannteste Migrant ist sicherlich Jean Améry. Thematisiert werden sollen desweiteren das Zusammen- und Nebeneinanderleben von Juden und Nichtjuden, die Bildung jüdischer Gemeinden, die Shoah als Zäsur, die schwierige Rückkehr vor allem für diejenigen, die vor der Deportation nicht die belgische Staatsangehörigkeit besessen hatten, und die Bildung neuer Gemeinden.
Das zweite Modul wird vom christlichen Antijudaismus und dem Wandel hin zum rassistischen Antisemitismus handeln. In dem dritten Modul soll der Aufstieg des europäischen Faschismus, die Popularität von faschistischen Ideologien und von biologistischen Vorstellungen von Volksgemeinschaft, Volksfeinden und Minderwertigen mit deutlichem Schwerpunkt auf Deutschland und Belgien thematisiert werden. Das vierte Modul soll in Anlehnung an das Modell der Phasen von Verfolgung und Vernichtung von Raul Hilberg die Kennzeichnung, Ausgrenzung, Entrechtung und Vernichtung der Juden aus Belgien skizzieren. Diese Phasen sollen in weiteren Modulen eingehender behandelt werden. Im Modul fünf, in der die erste Phase der Definition und Kennzeichnung Thema sein wird, soll der Bogen von den Nürnberger Rassegesetzen, über das Anlegen des Judenregisters, die Einführung des Judensterns bis hin zu dem Ziel, Juden aller Staatsangehörigkeiten von Belgien aus zu deportieren, gespannt. Im sechsten Modul sollen die Razzien, die Inhaftierung, das Berauben, das Beseitigen von Spuren, die Deportationen und die Vernichtung thematisiert werden. Das siebte Modul soll die historische Situation in Belgien in dem Spannungsfeld von Widerstand, Kollaboration und Alltagsleben beleuchten. Das letzte Modul wird Material zur strafrechtlichen Verfolgung und der schwierigen Rückkehr der deportierten Juden, beinhalten und die Entstehung der Menschenrechte thematisieren.
Mit einer solchen modularen, historisch und gegenstandsbezogen Bildungskonzeption beschreitet das Museum Mechelen einen Weg zwischen der Thematisierung der spezifischen Geschichte des Orts und gegenstands- und gegenwartsbezogenen Universalisierungen. Dieses Spannungsfeld aufrechtzuerhalten ist die Aufgabe nicht nur der belgischen, sondern auch einer deutschen Gedenkstättenpädagogik, will sie ihrem historischen und pädagogischen Auftrag gerecht werden.

Tanja von Fransecky arbeitet an einer Promotion zu Fluchten und Fluchtversuchen aus Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden.

1
Im Rahmen eines EU-Fachkräfteaustausches habe ich dort im Frühjahr diesen Jahres sechs Wochen lang in der pädagogischen Abteilung gearbeitet. Trägerin des Projekts »Individual and transnational political-historical education as a part of life long learning« ist die Europäische Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte Weimar.
2
Verordnungsblatt des Militärbefehlshabers in Belgien und Nordfrankreich für die besetzten Gebiete, Nr. 73, 24. 4. 1942, Cegesoma BAA 2125.
3
Reeder, Tätigkeitsbericht Nr. 20 der Militärverwaltung für die Zeit vom 15. März – 1. Juni 1942, 15. 6. 1942. In: Joods Museum van Deportatie en Verzet: De belgische tentoonstelling in Auschwitz.
Het boek. L’exposition belge à Auschwitz. Le livre. 2006, S.65.
4
Craushaar zitiert nach Joods Museum van Deportatie en Verzet, tentoonstelling, S.75.
5
Siehe auch Meinen, Insa: Die Deportation der Juden aus Belgien und das Devisenschutzkommando. In: Hürter, Johannes; Zarusky, Jürgen (Hg.): Besatzung, Kollaboration, Holocaust. Neue Studien zur Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. München 2008, S.54.
6
Chaumont, Jean-Michel: Die Konkurrenz der Opfer. Genozid, Identität und Anerkennung. Lüneburg 2001, S. 23.
7
Musée Juif de la Déportation et de la Résistance: Guide didactique pour une visite au Musée Juif de la Déportation et de la Résistance. Mechelen o. J.
8
Ebenda, S. 8. Im Original heißt es: »Il nous faut aller à la racine du mal, à savoir le racisme, compris comme le rejet de tout ce qui n’est pas de même race, sang, nation, peuple, ou encore, de même sexe, culture, église, …«.
9
Reif-Spirek, Peter: Rechtsextremismus, Geschichtsrevisionismus und Gedenkstättenpädagogik. Einige Überlegungen. In: Benz, Wolfgang; Reif-Spirek, Peter (Hg.): Geschichtsmythen: Legenden über den Nationalsozialismus. Berlin 2003, S. 155.
10
Vgl. DGB-Bildungswerk Thüringen e.V.: Baustein zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit,
Erfurt, 2003, S. 162.
11
Vgl. Kößler, Gottfried; Steffens, Guido; Stillemunkes, Christoph (Hg.): Spurensuche. Ein Reader zur Erforschung der Schulgeschichte während der NS-Zeit. Frankfurt am Main 1998, S. 17.
12
Siehe auch Hormel, Ulrike; Scherr, Albert: Bildung für die Einwanderungsgesellschaft.
Bonn 2005, S. 244.
13
Siehe auch Brockhaus, Gudrun: »Bloß nicht moralisieren!«. Emotionale Prozesse in der pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. In: Bayerische Landeszentrale für politische -Bildungsarbeit: Holocaust Education. Wie Schüler und Lehrer den Unterricht zum Thema National-sozialismus und Holocaust erleben. Einsichten und Perspektiven, Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte, Themenheft 1/08, S. 28–33.
14
Zwischen 1873 bis 1935 verliessen fast drei Millionen Menschen, darunter eine halbe Millionen Juden, Europa vom Antwerpener Hafen auf den Ozeanschiffen der seit 1873 zwischen Antwerpen und den USA und Kanada verkehrenden »Red Star Linie«.
Bibl.:
Tanja von Fransecky: Das Jüdische Deportations- und Widerstandsmuseum im belgischen Mechelen: PERSPEKTIVEN DER HISTORISCH-POLITISCHEN BILDUNGSARBEIT. In: Gedenkstättenrundbrief 150, Jg. 200908