Régine Krochmal

Widerstandskämpferin und Überlebende des 20. Deportationszuges

Régine Krochmal wurde 1920 in den Niederlanden geboren. Mit 6 Jahren kam sie mit ihren Eltern nach Brüssel. In ihrer Familie spielte Religion keine Rolle, das Wort „Jude“ das sie später immer wieder zu hören bekommen sollte, hatte für sie keine Bedeutung.

Zuerst lernte Régine Krankenpflege. Nach Abschluss der Krankenpflegeausbildung erlente sie zusätzlich den Beruf der Hebamme. Im Juni 1942 wurden alle Juden aus den medizinischen Berufen ausgeschlossen. Régine stand kurz vor ihrem Abschluss, aber hier sollte ihre Hebammenausbildung enden. Zutiefst enttäuscht verabschiedete sie sich von ihrem Ausbildungsleiter. Aber dieser setzte sich innerhalb seiner Möglichkeiten über die Ausgrenzung der jüdischen Mitarbeiter hinweg und bot ihr an, zu den Prüfungen zu erscheinen.

Kurz nach dem Einmarsch der Deutschen im Mai 1940 lernte sie Marianne kennen. Sie war mit ihrem Vater aus Deutschland nach Belgien geflohen. Marianne hatte einen behinderten Bruder und sie erzählte Régine, dass die Nazis ihren Bruder umgebracht hatten.

Für Régine war klar: „Jüdin zu sein, war ihr Todesurteil. Sie hatte nur die Wahl zwischen: sterben ohne etwas getan zu haben oder sterben und etwas getan zu haben.“ Sie entschied sich dafür aktiv zu werden.

Marianne arbeitete in einer von der jüdischen Gemeinschaft in Brüssel eingerichteten Suppenküche für jüdische Emigranten. Hier trafen sich vor allem junge Menschen aus Deutschland und Österreich.

Hier lernte Régine ihre neuen Freunde kennen. Gemeinsam beschlossen sie „etwas zu tun“. Sie gründeten die „Österreichische Freiheitsfront“ als Teil der großen belgischen Widerstandsorganisation „Front de l‘Indépendance“. Man sagte ihr: „Wenn du verhaftet wirst, musst du alles vergessen!“
Diese Gruppe, in der man Deutsch sprach, versuchte subversive Propaganda unter den deutschen Soldaten zu verteilen. Sie druckten eine Zeitschrift „Die Wahrheit“ mit Informationen, aus dem britischen und polnischen Radio über den Krieg. Sie wollten versuchen, soviel Soldaten wie möglich zur Desertation zu motivieren. Die Mädchen der Gruppe sprachen die Soldaten direkt an, trafen sich mehrmals mit ihnen, um diese Überzeugungsarbeit zu leisten.

In der Nacht vom 19. zum 20. Januar 1943 wurde sie verhaftet. Sie druckte mit zwei Freunden in einer Wohnung in Brüssel die Untergrundszeitung, als an die Tür geklopft wurde. Schnell wurde die Druckmaschine versteckt und die beiden Männer flüchteten durchs Fenster.

Régine öffnete schlaftrunken und erklärte, dass ein Mann sie in die Wohnung mitgenommen habe. Sie gab sich sofort als Jüdin zu erkennen, um eine Wohnungsdurchsuchung durch die Gestapo zu vermeiden. Denn am Wichtigsten war, dass die Druckmaschine unentdeckt blieb!

Man brachte sie in den Keller des berüchtigten Hochhauses in Brüssel, Avenue Louise, in der die belgische Außenstelle des Reichssicherheitshauptamtes untergebracht war. Dort wurde sie mehrere Tage gewaltsam verhört bis man sie schließlich am 27.01.1943 zusammen mit anderen Leidgenossen auf einen Lastwagen verfrachtet in das Sammellager Mechelen transportierte.

Am 19. April 1943 startete der 20. Deportationszug von Mechelen nach Auschwitz. Es war der erste Viehwaggon, der von den Nazis benutzt wurde, denn aus den vorherigen Zügen konnten zu viele Gefangene aus den Fenstern springen. Die kleinen Fensteröffnungen des Viehwaggons wurden mit Holzlatten zugenagelt.

An Bord dieses 20. Transportes befanden sich 1631 Menschen, vor allem Juden, aber auch Sinti und Roma aus Nordfrankreich, dem Pas-de-Calais. Unter ihnen befand sich auch Régine Krochmal, die als Krankenschwester in den Krankenwaggon ganz am Ende des Zuges und zusammen mit einem anderen Arzt einsteigen sollte. Kurz bevor sie in den Waggon einstieg, steckte ihr ein jüdischer Arzt ein Messer zu. Er sagte zu ihr: „Schneide die Latten auf und spring, denn man wird dich verbrennen!“
Als der Zug losfuhr versuchte sie sofort mit Hilfe des Messers das vernagelte Fenster aufzumachen. Der Arzt, der mit ihr an Bord war, versuchte sie daran zu hindern, denn die Nazis hatten gedroht, dass alle erschossen werden, wenn einer flieht. Der kleinen zierlichen Régine, die entschlossen war zu ihrer Widerstandsgruppe zurückzukehren, gelang es, den Mann außer Gefecht zu setzen. Wie sie heute sagt: „Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe, aber ich habe zugeschlagen und er lag auf einmal auf dem Boden.“

Sie schaffte es, die Fensteröffnung aufzumachen und als der Zug etwas langsamer fuhr, abzuspringen. Als sie auf dem Boden lag, hielt der Zug plötzlich an. Schüsse fielen. Sie wusste nichts von dem Überfall und dachte man suche nach ihr. „Ich habe mir Erde in den Mund gestopft, um nicht zu schreien!“

Erst viele viele Jahre später sollte sie erfahren, dass drei junge Helden den Transport überfallen hatten.

Régine wollte wieder nach Brüssel zurück. Um nicht die Orientierung zu verlieren, lief sie an den Gleisen entlang. Sie traf auf einen jungen Eisenbahner, der in einem Bahnwärterhäuschen saß, und bat ihn um Hilfe. Dieser Mann, der Régine noch nie zuvor gesehen hatte, versteckte sie in einem kleinen Heuschober. Als kurz darauf Militärpolizei auf der Suche nach entflohenen Juden erschien, lud der Eisenbahner die Häscher zu einem Drink ein. Am nächsten Morgen zeigte er Régine den Weg zur Tramhaltestelle nach Brüssel.

An der Haltestelle angekommen erblickte Régine weitere Geflohene aus dem Zug. Sie wagten es nicht, sich offen anzusehen oder gegenseitig anzusprechen. Die Pendler, die um 600 Uhr früh mit der Straßenbahn nach Brüssel zur Arbeit fuhren, Arbeiter und Angestellte, spürten, dass mit den Fremden an der Haltestelle etwas nicht stimmte. Ohne ein Wort zu sagen umringten sie die Flüchtigen und schirmten sie vor neugierigen Blicken der Militärpolizei ab.

Zurück in Brüssel fing Régine Krochmal sofort wieder damit an, die Untergrundszeitung an deutsche Soldaten zu verteilen. Ein von ihr zum zweiten Mal angesprochener Soldat sollte sie aber verraten.

Sie wurde wieder verhaftet und nach Mechelen in Isolierhaft gebracht. Denn jetzt war sie nicht mehr „nur“ eine untergetauchte Jüdin, sondern sie war als Widerstandskämpferin entlarvt.

Die Gestapo wollte von ihr die Namen ihrer Freunde erfahren und folterte sie aufs Brutalste. Trotz aller Schikanen hatte sie immer geschwiegen.

In der Nacht vom 3. zum 4. September 1944 hatte ihr Leiden ein Ende: Die Amerikaner hatten Belgien befreit.