NS- und Kriegsverbrechen – ihre Rezeption in Europa und Ostasien

gemeinsame Konferenz von IC MEMO und ICOMAM in Seoul vom 4.–6.10.2004
Brebeck, Wulff E. und Thomas Lutz

Auf den ersten Blick erscheint die gemeinsame Verantwortung von internationalen Komitees, in denen auf der einen Seite Gedenkstätten für Opfer staatlicher Gewaltverbrechen und auf der anderen Seite Armee- und Militärmuseen organisiert sind, für eine Konferenz mit dieser Thematik ungewöhnlich. Sie war maßgeblich auf Initiative des Koordinators auf Seiten des südkoreanischen Organisationskomitees Changhkook Kang, Kurator am War Memorial of Korea in Seoul, zurückzuführen.
Der Präsident von ICOMAM, Guy M. Wilson, ehemaliger Direktor des Royal Armouries Museum im Tower in London, machte jedoch bereits in seiner Begrüßung deutlich, dass es trotz der offenkundigen Unterschiede in der alltäglichen Arbeit Berührungspunkte gibt. Armeemuseen wenden sich über ihre traditionell schon zugehörige Aufgabenstellung des Gedenkens der Kriegsopfer hinaus mehr und mehr der sozialgeschichtlichen Dimension von Waffengebrauch und Kriegsgeschehen zu. Damit verbunden ist eine verstärkte Reflexion moralischer Gesichtspunkte. So hat das Imperial War Museum in London eine Abteilung zum Holocaust eröffnet, das Königliche Militärmuseum in Brüssel bereitet eine solche Ausstellung vor.
Die ersten anderthalb Tage der Konferenz waren in der Betrachtung der Erinnerungskulturen in Deutschland und – ansatzweise – den ehemals von der Wehrmacht besetzten europäischen Ländern einerseits sowie in Japan und Korea anderseits gewidmet. Thomas Lutz, stellvertretender Vorsitzender von IC MEMO, Leiter des Gedenkstättenreferats der Topographie des Terrors, Berlin, stellte seine Einrichtung vor und berichtete über den schwierigen Weg, den der öffentliche Diskurs über Inhalte und Formen des Gedenkens an die Opfer im Land der Täter zunächst im westlichen und nach dem Ende des ostdeutschen staatlich verordneten Antifaschismus im gesamtstaatlichen Rahmen zurückgelegt hat.
Im Unterschied zu Deutschland ist in den während des Zweiten Weltkriegs besetzten Ländern die Darstellung als Opfer hervorgehoben. Allerdings hat es in allen diesen Ländern – wenn auch in sehr unterschiedlichem Maße – Kollaboration gegeben. Da diese Seite der Geschichte häufig wenig öffentlich reflektiert sind, bestehen in diesen Ländern Beschränkungen in der Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen, die sich in der internationalen Zusammenarbeit als hinderlich erweisen. Er verwies auf die Problematik der Kollaboratoren, die – zumeist noch nicht öffentlich hinreichend reflektiert – dem jeweils offiziellen Verständnis als Gesellschaft der Opfer in vielen ehemals besetzten Ländern entgegensteht.
Dr. Jan Munk, ebenfalls stellvertretender Vorsitzender von IC MEMO, Direktor der Gedenkstätte Terezin, Tschechische Republik, stellte vor dem Hintergrund der Verfolgung der Juden zunächst in den böhmischen Ländern, dann in fast ganz Europa, die Arbeit der Gedenkstätte in Gebäuden und Geländen vor, die zum ehemaligen Ghetto Theresienstadt bzw. der Kleinen Festung gehörten. Als zentralen Einschnitt charakterisierte er das Ende der Diktatur 1990, dass die Herausarbeitung der Bedeutung Theresienstadts im Zusammenhang des Genozids an den europäischen Juden überhaupt erst ermöglichte.
Frau Prof. Julie Higashi, Ritsumeikan-Universität, Kyoto, Japan, fokussierte ihre kritische Darstellung des Umgangs mit Kriegsverbrechen und Kriegsopfern in Japan auf zwei Gedenkorte: den Yasukuni-Schrein in Tokio und die Gedenkstätte der Präfektur (Provinz) Okinawa. Der Yasukuni-Schrein, eine shintoistische Gedenkhalle, zu der ein Museum gehört, wird von einer privaten Stiftung unterhalten. Das Gedenken an die Kriegstoten bezieht sich auf Soldaten (zu denen auch die Zwangsverpflichteten aus den besetzten Ländern gezählt werden). Sie werden – einschließlich hochrangiger, von alliierten Militärtribunalen wegen Kriegsverbrechen Verurteilter sowie wider Willen in den Tod geschickter Kamikaze- und Kairin-Piloten als Helden verehrt. Der schwülstige Heldenkult gipfelt in dem Vergleich mit – schnell verblühenden – Kirschblüten und der Präsentation der Brautkleider, die die »Heldenmütter« für die Eheschließungen ihrer Söhne vorbereitet hatten. Ein unreflektierter Kaiserkult wird praktiziert, der die Rolle des Tenno als Oberbefehlshaber während der Kolonialzeit und des Weltkrieges ausblendet. Eine unmittelbar politische Dimension erhalten die Gedenkfeiern durch wiederholte Teilnahme japanischer Regierungsvertreter (zuletzt 2001), was in Japan, vor allem aber in den ehemals besetzten Ländern, zu denen Korea gehört, auf heftige Kritik stößt.
Dass auch in Japan offene, wahrhaftige Formen des Gedenkens auf öffentliche Unterstützung treffen, verdeutlichte Frau Higashi am Beispiel des Okinawa Peace Memorial Museum. In dieser Gedenkstätte am Ort einer Schlacht im Rahmen der Eroberung Okinawas durch die US-Streitkräfte 1945 wird die Rolle Japans als Aggressor nach außen und repressive Macht nach innen, die selbst Kriegsverbrechen verübte, dargestellt, und es wird aller Opfer auf beiden Seiten ohne falsche Gleichmacherei gedacht.
Am Beispiel von Hiroshima stellt Frau Prof. Chieko Otsuru, Kansai-Universität, Osaka, Japan, dar, wie der Ort einerseits für den Mythos Japans ausschließlich als Opfer genutzt und andererseits mit den Atombomben-Opfern höchst widersprüchlich verfahren wurde. In das Bild des japanischen Opferstatus passten die getöteten oder verletzten koreanischen Zwangsarbeiter nicht. Sie erhielten nach Wegzug aus der Stadt keine weitere Hilfe, ihr Mahnmal durfte bis 1999 nicht im Friedenspark stehen. Auch die überlebenden japanischen Opfer, die durch die Katastrophe verelendet waren, wurden in slumähnlichen Hochhausburgen »entsorgt«. Es fand eine Desintegration bei gleichzeitiger Heroisierung, die trotzdem hinsichtlich der atomaren Rüstung wirkungslos blieb, statt.
Frau Higashi hat in einem Redebeitrag darüber hinaus darauf hingewiesen, dass die von den USA für den Terroranschlag am 11. September 2001 genutzten Begriffe dieselben waren, wie sie vom amerikanischen Militär für den Atombombenabwurf in Hiroshima entwickelt wurden – Stichwort: Ground Zero.
Dr. Dong-Hee Rhie, Universitätsdozent in Seoul und Berater des Ministerpräsidenten für Fragen der Zivilgesellschaft, referierte über die Kolonial- und Kriegsverbrechen der japanischen Besatzungsarmee in Korea. Die Nichtanerkennung der Ansprüche koreanischer Bürger durch die japanische Regierung belaste die Beziehungen sehr.
Frau Mi-Hyang Yoon, Generalsekretärin des Koreanischen Hauses für internationale Solidarität Seoul, widmete sich dem Thema der sog. »Comfort Women«, Frauen aus Korea, China, Indonesien u.a. japanisch besetzten Ländern, die zum Dienst in Soldatenbordellen gezwungen worden waren. Das Thema wird, seitdem ein junger Filmemacher Anfang der 1990er Jahre es öffentlich machte, in all diesen Ländern und in Japan heftig öffentlich diskutiert, ohne dass die japanische Regierung bisher Ansprüche anerkannt hat. Frau Yoon berichtete über Kampagnen, die der »Rat zur Unterstützung der zu sexueller Sklaverei gezwungenen Frauen« durchgeführt hat und die national und international die Lage der wenigen überlebenden Frauen in Korea verbesserten. Zur Zeit organisiert der Rat eine Kampagne zur Ächtung Japans durch die UNO und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO). Ferner ist an die Gründung eines Museums zur Erinnerung an diese Frauen gedacht.
Während in Japan als Konsequenz aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges eine Reihe von Friedensmuseen gegründet wurden, deren bekannteste sich in Hiroshima und an der Ritsumeikan Universität in Kyoto befinden, gibt es eine solche Tradition in Korea nicht. Pastor Hae-Dong Lee, Seoul, skizzierte das Konzept des 2003 gegründeten »Center for Peace Museum«, eines eher virtuellen Museums. Das Zentrum versteht sich als Agentur zur Förderung der Empathie gegenüber Kriegsopfern (z. B. auch der vietnamesischen, die im Vietnam-Krieg auch von koreanischen Soldaten angegriffen wurden, da die südkoreanische Armee dort auf der Seite der USA gekämpft hatte) und von daher zur Schaffung von »Empathie-Räumen«, die überall in der Alltagswelt geschaffen werden sollen. In Schulfluren, an Bürowänden, auf einem Regalbrett in einer Bücherei sollen solche »Mein Museum« genannten Räume entstehen, die per digitaler Übermittlung der dort vorgestellten Materialien in einem »Cyber Peace Museum« zusammengeschlossen werden sollen. Das »Center for Peace Museum« sieht darin einen wirkungsvollen Beitrag zur Friedenserziehung und zu einem neuen Verständnis von Museen.
War in der Auseinandersetzung mit persönlicher und kollektiver Erinnerung und der Verweigerung oder Anerkennung als Bestandteile gesellschaftlich sanktionierter Erinnerungskultur nur implizit von »intangible heritage«, dem Oberthema der ICOM-Generalkonferenz, die Rede, so widmeten sich die Teilnehmenden am Nachmittag des zweiten Konferenztages diesem Thema expressis verbis.
Guy M. Wilson stellte die »Mass of Peace« vor , ein Auftragswerk der Royal Armouries anlässlich des Millenniums 2000. Unter Verwendung von Musik, die in verschiedenen unliterarischen militärischen Kontexten gebraucht wurde, auf Kriegserfahrungen bezogene Volkslieder (darunter sehr prominent ein Lied des 16. Jahrhunderts, das die Furcht vor dem »bewaffneten Mann« thematisiert), religiösen Musikstücken und Stücken der musikalischen Tradition, die Krieg zum Thema haben, komponierte Carl Jenkins eine – dem traditionellen Aufbau folgende – Messe. Sie wurde inzwischen mehrfach – mit wachsendem Erfolg – aufgeführt und z. B. in Cardiff mit einer Filmvorführung verbunden, die u.a. Texte des japanischen Dichters und Hiroshima-Opfers Sakidu Sakichi umsetzte. Der Einsatz wurde von Museumspädagogen, vor allem wegen des Zusammenschnittes der Musik mit sehr emotionalen und grausamen Bildern, skeptisch beurteilt. Die große öffentliche Wahrnehmung drückte sich u.a. in Rang 8 in den Classic-Charts, den diese CD errang, aus. In Leeds, wo sich eine Zweigstelle des Museums befindet, gründeten Bürger ein »Peace Music Movement« und führen seitdem einen jährlichen Wettbewerb »Poetry for Peace« durch.
Dr. Vojtech Blodig, stellvertretender Direktor der Gedenkstätte in Terezin, berichtete über das reiche kulturelle Leben, das die Inhaftierten im Ghetto Theresienstadt mit Duldung der SS und angesichts ständig durchgeführter Transporte in die Vernichtungslager entfalteten. Aufgrund der Tatsache, dass in Theresienstadt die künstlerische Elite mehrerer Länder inhaftiert war, erreichten die Aufführungen einen einzigartigen Rang. Der Referent wies darauf hin, dass das Kabarett häufig zensiert wurde und dass z.T. während der Proben von musikalischen Werken die Stimmen immer wieder neu besetzt werden mussten, weil die Schauspieler und Musiker auf Todestransporte geschickt wurden. Die Kinderoper »Brundibar« von Hans Krasa wird bis heute vielfach aufgeführt.
Joseph D’Reilly, Direktor der Initiative für ein International Human Rights Museum, London, stellte zunächst seine Initiative vor, die unter dem Titel eines Museums ein Forum für den Schutz und die Weiterentwicklung der Anerkennung der Menschenrechte anstrebt. Museen werden dabei als wichtige Kooperationspartner gesehen. Sodann gab er eine Einführung in die internationale Rechtslage hinsichtlich des Schutzes der Intangible Heritage. Er berichtete über die lange Vorgeschichte der entsprechenden UNESCO-Konvention von 2003, so u.a. die Konvention zum Schutz von kulturellem und natürlichem Erbe von 1972. So sei die jetzt vereinbarte Konvention, die auch finanzielle Zuwendungen der UNESCO im Einzelfall vorsehe, ein großer Schritt vorwärts. Das Verfahren, wonach die jeweiligen Überlieferungen in Listen zu kodifizieren und vom jeweiligen Staat der UNESCO vorzuschlagen seien, weise jedoch auch Gefahren auf. Nicht staatlich erwünschte Überlieferungen hätten keine Chance auf internationale Anerkennung; bei mehreren beteiligten Staaten sei die Zustimmung aller Regierungen notwendig, was nicht in jedem Fall zu erreichen sei; die Unterschutzstellung führe zu einer »Fossilierung« des gegenwärtigen Zustandes; die Gleichbehandlung könne zu einer Gleichsetzung von Kulturen führen, in denen real das Gewicht der Intangible Heritage völlig unterschiedlich sei. O’Reilly schloss seine Ausführungen mit einigen Beispielen über die Bedeutung für Gedenkstätten ab, darunter den Einsatz von Songs und Erzählungen von Gefangenen in der Ausstellung in der Ablegestation zur Insel Robben Island in Kapstadt.
Am dritten Tag der Konferenz führten zunächst die beiden Komitees getrennt ihre Mitgliederversammlungen durch. Am Nachmittag wurde eine gemeinsame Exkursion veranstaltet. Zuerst wurden Friedhof und Gedenkstätte für den Studentenaufstand am 19. April 1960 besucht, der dank der Unterstützung durch die Bevölkerung zum Abdanken des korrupten ersten Nachkriegspräsidenten führte. Den Besucher aus Europa erinnerte die monumentale Friedhofsanlage sowohl in der Formensprache als auch von den Ausmaßen sehr an sowjetische Denkmäler wie etwa im heutigen Wolgograd. Die Anlage, die erst nach der Erkämpfung demokratischer Verhältnisse in den frühen 1990er Jahren errichtet werden konnte, verdeutlicht die nachträglich Bedeutungszuschreibung dieses historischen Ereignisses für die Entwicklung Südkoreas von einem unterentwickelten Land zu einer wirtschaftlich prosperierenden Demokratie nach westlichem Vorbild.
Im Anschluss daran wurde das Sodaemun-Gefängnis, das heute Gedenkstätte ist, besichtigt. Nach dem Vorbild deutscher Gefängnisbauten von der japanischen Besatzungsmacht 1908 errichtet, hat es vor allem der japanischen Kolonialmacht zur Inhaftierung, Folterung und Hinrichtung von politischen Gegnern beiderlei Geschlechts gedient. Vor allem die sehr naturalistischen Darstellungen von Folterszenen in den historischen Zellen – die bis hin zu sich bewegenden Puppen, die Folterungen ausführen, und einer naturalistischen Lautkulisse reichen – wurden von allen Teilnehmern der Exkursion äußerst kritisch angesehen. Zudem wird ganz auf die Dichotomie koreanische Freiheitskämpfer/japanische Schergen gesetzt. Leider war es trotz verschiedener Nachfragen nicht möglich, genauere Hinweise über den Einsatz dieser Ausstellungsbereiche in der Museumspädagogik sowie die Reaktionen von Besuchern zu erhalten.
Als letzter Programmpunkt stand der Besuch des Korean War Memorials, der mit einem opulenten Abendessen auf Einladung des Museumsdirektors, eines ehemaligen Generals, abgeschlossen wurde, auf dem Programm. Neben dem Gedenken an die gefallenen US-amerikanischen, sonstigen alliierten und südkoreanischen Soldaten des Korea-Krieges wird in diesem Gebäude die glorreiche Rolle des südkoreanischen Militärs vom frühen Mittelalter bis zum Einsatz im Vietnamkrieg an der Seite der USA dargestellt. Ohne Raummangel und mit großem Materialeinsatz werden die verschiedenen Epochen – auch zahlreiche Kriegsschauplätze in Dioramen – sehr aufwändig dargestellt. Diese Ausstellung gibt daher einen wichtigen Aufschluss über die hohe Bedeutung, die das Militär bis heute für die südkoreanische Gesellschaft besitzt. Der Stolz der Armee und des Museums wurde mit einer musikalisch begleiteten »Martial Arts«-Vorführung, die im Rahmen einer Exkursion am Donnerstagmorgen im Beisein des ICOM-Präsidenten Perrot vor den Vorsitzenden der beiden Komitees durchgeführt wurde, unterstrichen.
Der Ertrag der Konferenz ist auf verschiedenen Ebenen zu bewerten. Zunächst bleibt festzuhalten, dass ein historisch und geographisch so weit ausgreifender Vergleich der Erinnerungskulturen aus der Perspektive der Gedenkstätten bisher noch nicht unternommen wurde, wie Wulff E. Brebeck, Vorsitzender von IC MEMO, in seiner Begrüßung betont hatte.
Bei einem Versuch eine Bilanz des Vergleichs zu ziehen, lassen sich – sehr generalisierend – einige wesentliche Unterschiede ausmachen: Während es in Ostasien im Wesentlichen um die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen geht, ist in Europa ein Völkermord mit dem Kriegsgeschehen verbunden. Ob sich aus dem Vorhandensein von längere Zeit genutzten Verbrechensorten wie Konzentrationslagern und Orten des Völkermords gegenüber Orten von Massakern, Atombombeneinsätzen, Entscheidungsschlachten u.a. in Ostasien langfristig auf einen anderen Charakter der Gedenkorte wird schließen lassen, muss offen bleiben.
Im Rahmen der Tagung wurden mit Hiroshima, Okinawa, dem Friedhof und der Gedenkstätte des 19.4. und dem Seodaemun-Gefängnis Gedenkorte vorgestellt, die den europäischen vergleichbar sind. Die Neigung, wichtige Einrichtungen in Hauptstädten zu schaffen, scheint eher mit dem in Japan und Korea ausgeprägten zentralistischen Staatsverständnis zu tun zu haben. Wie sich mehrfach zeigte, unterscheiden sich die erreichten Wissens- und gesellschaftlichen Diskussionsstände in Japan und Korea und dann wiederum gegenüber Europa. Dr. Rhie wurde wegen seiner einseitigen Darstellung (veraltete Zahlen ausschließlich koreanischer Opfer, Verschweigen japanischer Reparationszahlungen an frühere – diktatorische – Regierungen in Korea u.a.) und Frau Yoon wegen ihrer stark moralisierenden Position von japanischen Teilnehmern heftig kritisiert. Dieses wurde jedoch nicht in offener Diskussion gewagt, da bei koreanischen Teilnehmern – nicht unbegründet – antijapanische Ressentiments vermutet wurden. Der bei einzelnen Nichtregierungsorganisationen erreichte internationale Diskussionszusammenhang über Ländergrenzen in Ostasien hinweg scheint sich bei sensiblen Themen der Zeitgeschichte unter den Beteiligten noch nicht durchgesetzt zu haben.
Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer gesellschaftlichen Akzeptanz von »negativer Erinnerung« spielt nicht nur die Beendigung und Diskreditierung der verbrecherischen Diktatur, sondern auch die Herausbildung einer offenen Gesellschaft, die sich auch ihren Tabus zuwendet. Während sich in der Bundesrepublik Deutschland solche Verhältnisse während jahrzehntelanger heftiger öffentlicher Auseinandersetzungen mit zeitgeschichtlichen Fragen herausgebildet haben, waren in den europäischen Ländern mit staatssozialistischen Diktaturen die Gedenkkulturen staatlich umrissen und mit gezielten Ausblendungen (Völkermord an den europäischen Juden, unerwünschten Opfergruppen) versehen. In Japan führte die von den US-Amerikanern absichtlich vorgenommene Ausklammerung des Kaisers von den Strafverfolgungen der Nachkriegszeit dazu, dass die »Showa«-Zeit (japanische Geschichtsschreibung periodisiert nach kaiserlichen Herrschaftszeiten) bis zu Hirohitos Tod 1989 andauerte. Während der Nachkriegsjahrzehnte, in denen Japan sich in einer langen Friedenszeit zu einer weltweit führenden Wirtschaftsmacht mit wachsendem allgemeinen Wohlstand entwickelte, wurde das Bild dieser Ära immer positiver. Kritische Einschätzungen hatten es dagegen schwer. Die meisten Quellen sind heute noch gesperrt. Korea dagegen wurde kurz nach der Gründung der ersten Republik in einen Krieg gezwungen und geteilt. Bis zu Beginn der 1990er Jahre wechselten diktatorische Regime einander ab. Mehrere Aufstände wurden blutig niedergeschlagen. Dass die Diktaturen ein enges Verhältnis zu Japan anstrebten bzw. unterhielten, wirkt sich noch heute anscheinend in einer z.T. unreflektierten bzw. absolut gesetzten Kritik an der Rolle Japans aus. So hätte man im Sodaemun-Gefängnis, das bis in die 1980er Jahre benutzt wurde, auch etwas über die Rolle der südkoreanischen Verfolgungsorgane erfahren wollen.
Insofern unterscheiden sich auch die »Lernziele«, die Gedenkstätten durch ihre Arbeit vermitteln wollen. Die Notwendigkeit, sich für eine demokratische, freie und offene Gesellschaft einzusetzen, gehört sicher zum europäischen Gemeingut. In Japan liegt der Akzent stärker auf der Wahrung des Friedens, während in Korea die militärische Behauptung der nationalen Unabhängigkeit und der Einsatz eigener Soldaten an der Seite der USA weltweit zum Selbstverständnis gehört. Dass Gedenkstätten in Europa aufgrund der Verschiedenartigkeit des historischen Geschehens am jeweiligen Ort eher zu einer verschiedenen Schwerpunktsetzung in ihren Beiträgen zur Bildung von moralischen Werten kommen, stieß in der Diskussion mit Menschenrechtsaktivisten auf Befremden. Die meisten Einrichtungen verstehen sich weder als Menschrechts- noch als Friedensmuseen, sondern betrachten diese Aufgaben als gleichwertig mit z. B. der Erziehung zur Toleranz, Kritikfähigkeit und Stärkung der Urteilskraft.
Nicht diskutiert wurde wegen des Gewichts der Fragen nach den Erinnerungskulturen die Problematik der Museumskonzepte, die bei Frau Yoon und – dezidiert – bei Herrn Lee, aber auch bei Herrn O’Reilly, eine Art Dokumentations- und Studienzentrum, in einem Fall als Gesamtheit virtuell, meinten. Warum die Autoren für diese Einrichtungen den Begriff Museum wählen, bleibt zu fragen.
Abschließend lässt sich auch die Zusammenarbeit von IC MEMO und ICOMAM, wie Mitglieder beider Seiten bekräftigten, als fruchtbar ansehen. So ist eine gemeinsame Veranstaltung während der nächsten Generalkonferenz von ICOM 2007 in Wien gut vorstellbar. Auch ein Themenkreis wie der 1. Weltkrieg und seine Rezeption, die besonders in den westeuropäischen Staaten und Großbritannien von größter Bedeutung ist, wurde angedacht.
Bibl.:
Brebeck, Wulff E. und Thomas Lutz: NS- und Kriegsverbrechen – ihre Rezeption in Europa und Ostasien seit dem Zweiten Weltkrieg : gemeinsame Konferenz von IC MEMO und ICOMAM in Seoul vom 4.–6.10.2004. .