Marcel Hastir, ein „Mensch“

Eine Preisverleihung und viele Erinnerungen

Von Rudolf Wagner

Marcel Hastir, inzwischen 101 Jahre alt, ist vom Centre Communautaire Laïc Juif (CCLJ) zum „Mensch de l’année 2007“ ernannt worden. Ein später Preis, der einem Künstler, Lebensretter und Monument der Brüsseler Zeitgeschichte gilt, der mit aller Kraft sein Lebenswerk verewigen möchte: das Atelier Marcel Hastir in der Rue du Commerce, 51.

Sie haben ihn also geküsst, seine Hände gestreichelt und mit ihm gesprochen, obwohl er nicht alle Worte zu verstehen schien. Sie haben mit Zärtlichkeit oder jedenfalls mit großem Respekt den Greis begrüßt, der im Rollstuhl seine Gäste empfing und nicht wusste, weshalb eigentlich sein Atelier so voller Menschen war. Es gibt ein Alter, in dem Preisverleihungen keine wirkliche Rolle mehr für den Betroffenen spielen, wohl aber viel für diejenigen bedeuten, die diesen Preis verleihen.

Denn Marcel Hastir verdient Verehrung. Zur gleichen Zeit wie Magritte stellte der junge Maler, Zeichner und Dekorateur im Palais der Schönen Künste seine Werke aus, er mietete 1935 ein großes Atelier im Haus der Theosophischen Gesellschaft, das schnell zu einem Treffpunkt begeisterter Maler und Musiker wurde – und zu einem Zentrum des Widerstands unter deutscher Besatzung. Er fälschte Papiere, er versteckte Juden und Mitglieder der Résistance, er unterstützte den deutschen Schriftsteller Carl Sternheim während seiner Krankheit und begrub ihn später auf dem Friedhof in Uccle. Er beherbergte und unterstützte zwei der drei mutigen jungen Männer, die den 20. Judentransport nach Auschwitz anhielten, und immer wieder wie zum Trotz gab es im Atelier Ausstellungen und Konzerte. Momente der Besinnung zwischen den Ausgangssperren.

Fluchtburg

Es wurden viele herzliche Reden zur Preisverleihung gehalten. Ergreifend die sehr persönliche Ansprache einer kleinen, zerbrechlichen, alten Dame mit roten Haaren, Régine Krochmal, die zu den Geretteten aus dem 20. Transport gehört, und die „le commerce de Marcel“ beschrieb, das Atelier als Fluchtburg, von der Marcel die Gestapo mit immer neuen Ausreden fern halten konnte.

Es schien, als wolle sich der Alte aus seinem Rollstuhl erheben, um nochmals diese schwere Zeit und die friedlichen Jahre danach Revue passieren zu lassen, als junge Musiker in seinem Atelier ihre ersten Konzerte gaben, darunter viele spätere Teilnehmer und Sieger beim Königin-Elisabeth-Wettbewerb; übrigens zählte Jacques Brel ebenfalls dazu. Hastir gelang es auch, den Brüsseler Opernintendanten für einen jungen Tänzer namens Maurice Béjart zu interessieren. Heute gibt es alle zwei Wochen Konzerte im Atelier und viele Veranstaltungen. Der Saal steckt voller Erinnerungen, aber für die definitive Rettung des Hauses vor der Immobilienspekulation fehlt das Geld. Die Vorhänge waschen Mitglieder es gemeinnützigen Vereins „Atelier Marcel Hastir“ (asbl) zuhause in der Waschmaschine.

„Nie wieder“

Hastir verlangte mit Überzeugungskraft in seiner Dankesrede, die mehr der Zukunft galt als vergangenen Zeiten, man solle sein Atelier zu einem Museum machen. Er möchte die Mahnung wach halten, dass „so etwas nie wieder passieren darf“, und dass „niemand mehr den Krieg erklären darf“. Sein Verein bemüht sich längst darum, aber er wartet noch immer auf finanzielle Unterstützung der Behörden. Wenigstens wird das Haus zu seinen Lebzeiten nicht abgerissen.

Der Name Hastir stehe für mehr Kultur, mehr Wissen und mehr Humanität, für mehr „Menschkeit“, und dank solcher Mitmenschen seien in Belgien Tausende Kinder und Erwachsene gerettet worden. „C‘est le Mensch des Mensch“, schrieb der Ehrenpräsident des Centre Communautaire Laïc Juif, David Susskind, über Marcel Hastir.

Info:

Die Stiftung Roi Baudouin hat ein Sammelkonto eingerichtet, auf das Beiträge zur Rettung dieses Kulturerbes auch von Privatleuten steuergünstig eingezahlt werden können (Konto Nr. 000-0000004-04 mit der Bemerkung „L82160 – Fondation Atelier Marcel Hastir“)

Kontakt: Roland Schmid

roland.schmid(at)telenet.be