Fort Breendonk

Das Lager Breendonk: vom SS-Auffanglager bis zum Mahnmal für Menschenrechte (Rb 127)
Nefors, Patrick
»Die Hölle von Breendonk, Breendonk-der-Tod«, »das Lager des schleichenden Todes«,… die Titel dieser Memoiren von Ex-Gefangenen des Auffanglagers Breendonk lügen nicht. In Belgien ist Breendonk, das Lager der Sicherheitspolizei-Sicherheitsdienstes (Sipo-SD), schon mehr als sechzig Jahre lang das Symbol »par Excellenze« von den Schrecken der Nazibesetzung: das drillharte Lagerregime, die Folterungen und Exekutionen verliehen ihm den Ruf, eine Hölle zu sein. Um die Erinnerung daran am Leben zu erhalten, verlieh ihm das belgische Parlament im Jahr 1947 den Status eines nationalen Mahnmals. Ende des letzten Jahrhunderts wurde deutlich, dass das aus den 50er Jahren stammende Museumswerk dringender Erneuerungen bedurfte. Mit Unterstützung des Verteidigungsministeriums wurden die Renovierungsarbeiten zügig vorangetrieben. Im Mai 2003 wurde die Gedenkstätte durch König Albert II feierlich eingeweiht. Seither steigen die Besucherzahlen ständig.

Von der Festung zum Auffanglager1
Vor dem Zweiten Weltkrieg war der Name Breendonk nur denjenigen ein Begriff, die die militärische Geschichte kannten. Auf dem Grundgebiet der kleinen Gemeinde Breendonk wurde 1906 eine Festung gebaut. Sie gehörte zu einem Gürtel von Festungen, die die wichtige Hafenstadt Antwerpen umringten. Während des Ersten Weltkriegs wurde es zehn Tage lang von der deutschen Artillerie unter Beschuss genommen. Der Kommandant der Festung fiel und die Festung selbst ergab sich am 10. Oktober 1914. Der durch den Beschuss angerichtete Schaden hielt sich allerdings in Grenzen. Zwischen den Kriegen wurde die Festung kaum genutzt, doch 1939 wurde erneut daran gearbeitet, um sie brauchbar zu machen. Breendonk sollte das Hauptquartier der belgischen Armee werden. Am Tag der deutschen Invasion, dem 10. Mai 1940, machte es König Leopold III, Oberbefehlshaber der belgischen Armee, für sich und seinen Stab zu seinem Quartier. Doch bereits am 17. Mai wurde die Festung wieder verlassen: die Deutschen waren im Anzug. Am 28. Mai kapitulierte die belgische Armee.
Weniger als vier Monate später, am 20. September, brachte SS-Sturmbannführer Philipp Schmitt die ersten vier Gefangenen ins Auffanglager Breendonk, das Lager der Sipo-SD für Belgien und Nordfrankreich. Breendonk wurde damit zu einem der vielen Polizeihaftlager2 im besetzten Europa, die allerdings häufig verschiedene Namen trugen: das niederländische Amersfoort nannte man beispielsweise Polizeiliches Durchgangslager, Breendonk wiederum »Auffanglager« oder auch »Anhaltelager«. Da für Belgien und Nordfrankreich nur eine Militärverwaltung verantwortlich war, fielen die Sipo-SD und ihr Lager im Prinzip unter deren militärische Leitung. In der Praxis waren Eingriffe dieser militärischen Leitung nicht immer gleich effektiv. So trat die Militärverwaltung auf, um einige Missstände zu beseitigen, bei anderen schaute sie wiederum weg.
Allerdings sollte es ein Jahr lang dauern, bevor sich die Militärverwaltung mit Breendonk befasste. Breendonk war im ersten Jahr seines Bestehens lediglich ein kleines Lager. Erst im Januar 1941 zählte es mehr als 100 Gefangene. Bis Juni 1941 bestand die Hälfte der Lagerbevölkerung aus jüdischen Gefangenen vor allem aus Zentral- und Osteuropa als Opfer der antisemitischen Politik der Besatzer; einige unter ihnen wurden auch aus politischen Motiven (z.B. ein antifaschistischer Journalist) verhaftet. Die andere Hälfte setzte sich vor allem aus belgischen politischen Gefangenen zusammen. Zu Beginn handelte es sich nicht oder noch nicht um Mitglieder von Widerstandsgruppen, sondern um Menschen, die sich individuell oder kollektiv abweisend gegenüber der Besatzungsmacht zeigten. Ein typisches Beispiel waren belgische Patrioten, die am 11. November 1940 eine anti-deutsche Demonstration am Mahnmal des Unbekannten Soldaten organisiert hatten.
Von Beginn an war die Behandlung hart, wenngleich es in den ersten Monaten noch keine Todesopfer zu beklagen gab. Am 17. Februar 1941 starb ein älterer jüdischer Mann, Julius Nathan. Auch wenn in den kommenden Monaten noch einige Todesopfer zu verzeichnen waren, brach die eigentliche Hölle erst im Sommer 1941 los. Nach dem deutschen Einfall in die Sowjetunion am 22. Juni 1941 verdoppelte sich die Anzahl der Gefangenen in einigen Monaten durch einen Strom verhafteter Kommunisten und in Belgien verbliebener Russen. Gleichzeitig verschlechterte sich die Behandlung im Lager – Halbierung der an sich schon mageren Rationen mit Aufflackern von Gewalt –, so dass in den drei Monaten nach dem 22. Juni sechzehn Inhaftierte, meist ältere jüdische Männer, starben.
Diese Sachlage alarmierte zunächst den Oberrabbi, dann belgische höhere Kreise und auch die Militärverwaltung, die nach einer ersten gleichgültigen Reaktion die Sache doch ernst nahm. Es folgten Inspektionen, die Rationen besserten sich, ernsthaft Kranke wurden in das Krankenhaus von Antwerpen überwiesen und Gefangene, die aus nichtigem Grund verhaftet waren, wurden frei gelassen (darunter auch eine Reihe von Juden). Der erste Transport mit belgischen politischen Gefangenen in das Konzentrationslager Neuengamme am 22. September 1941 verringerte die Zahl der Lager weiter. Zwischen 1941–1944 folgten weitere Konvois in andere Lager oder Gefängnisse wie Mauthausen, Vught, Essen, Esterwegen, Buchenwald,… Insgesamt wurden zwei von drei Breendonk-Gefangenen deportiert; nur einer von zwei Breendonk-Gefangenen überlebte den Krieg. Die Mehrzahl starb also fern der Heimat.
Im Frühjahr 1942 befanden sich immer noch etwa hundert Gefangene im Lager. Nach Eingriffen der Militärverwaltung ging es ein Jahr lang weniger schlecht in Breendonk zu (nur ein Toter zwischen Oktober 1941 und September 1942). Allerdings änderte sich 1942 die Zusammensetzung der Lagerbevölkerung: Breendonk wurde immer mehr zum Lager für den belgischen Widerstand. Im Sommer 1942 wurde die jüdische Lagerbevölkerung zur kleinen Minderheit nachdem die Dossinkaserne von Mechelen als Judensammellager vor der Deportation nach Auschwitz eingerichtet wurde.
Die veränderte Zusammensetzung der Lagerbevölkerung spiegelte sich in der Architektur des Lagers wider. In den Jahren 1941–1942 wurden zwei Stuben in Zellblöcke mit Isolierzellen umgeformt, in denen Widerständler in Einzelhaft gehalten werden konnten. Dort mussten sie den ganzen Tag aufrecht stehen und verließen die Zelle nur, um unter Bewachung und mit einer Kapuze über dem Kopf ihren Nachttopf auszugießen. Danach wurde im Sommer 1942 eine Folterkammer eingerichtet, um Widerständler einem sogenannten »verschärften Verhör« zu unterziehen. Einer von ihnen war der in Belgien verbliebene Österreicher Hans Maier. Als Jean Améry veröffentlichte er seine Beobachtungen über »Die Tortur« in seinem Werk »Jenseits von Schuld und Sühne«: »Es war für einmal vorbei. Es ist noch immer nicht vorbei. Ich baumele noch immer, zweiundzwanzig Jahre danach, an ausgerenkten Armen über dem Boden, keuche und besichtige mich. Da gibt es kein Verdrängen.«
Im November 1942 wurde schließlich noch ein Hinrichtungsort angelegt. Bis zur Befreiung wurden 164 Menschen als Vergeltung für Partisanenanschläge exekutiert. Sie wurden von Wehrmachtssoldaten – nur einmal erschien eine SS-Einheit – oder auf Befehl der Militärverwaltung erschossen. Nach Mai 1943 wurden weitere 21 Gefangene nach ihrer Verurteilung gehenkt.
Rechnet man die Exekutionsopfer, die auch nicht auf das Konto der Lagerverwaltung gingen, nicht mit, dann waren die Monate zwischen September 1942 und März 1943 die blutigsten in der Geschichte des Auffanglagers. Die kleine Hälfte von 84 Toten, die auf Rechnung der Lagerverpflegung ging, starb während dieser Zeit. Etwa ein Dutzend Gefangener wurden an der Wassergrabenkante nach einem grausamen Katz- und Mausspiel getötet; fast alle dieser Opfer waren Juden. In dieser Zeitspanne hatten auch Hunger und Unterernährung wieder zugenommen, was erneut zu einem Eingreifen der Militärverwaltung führen sollte. Sie schaute zwar hinsichtlich der Gewalttaten weg, unternahm jedoch etwas, um den Gefangenen mehr Essen zukommen zu lassen. Ab Ende des Jahres 1943 erfolgte sogar eine substantielle Verbesserung der Essensrationen, als die Wohlfahrtseinrichtung »Leopold III Tehuis« die Zulassung erhielt, Nahrung (und Kleider) für die Gefangenen zu liefern, auch wenn ein Großteil davon von der SS für eigenen Verbrauch oder Verkauf auf dem Schwarzmarkt abgezweigt wurde. Auch die Auswechselung des Lagerkommandanten während dieser Periode hatte eher günstige Auswirkungen. Schmitts Nachfolger, SS-Sturmbannführer Karl Schönwetter wollte sicherlich die schlimmsten Missstände beseitigen. Allerdings verfügte er nur über eine schwache Persönlichkeit, so dass er nur teilweise Erfolg hatte. Während des letzten Besatzungsmonats flackerte erneut hier und da Gewalt auf.

Nach der Befreiung
Als die alliierten Armeen in Belgien aufrückten, wurde Breendonk evakuiert. Ende August wurden die noch im Lager verbliebenen Gefangenen in die Lager von Neuengamme und Vught deportiert. Danach nahmen auch die Bewacher Reißaus. Am Morgen des 4. September 1944 fuhren britische Panzer am leeren Lager vorbei, das noch am gleichen Tag durch Widerstandsgruppen eingenommen wurde. Von da an diente das Lager dem Widerstand als Gefängnis für Kollaborateure oder der Kollaboration verdächtigte Personen. Nach vier Jahren Besatzung saß der Hass gegenüber all denen, die mit dem Besatzer zusammengearbeitet hatten, sehr tief. Die Geschehnissen in Breendonk verstärkten diese Hassgefühle weiter. Kollaborateure wurden misshandelt, vermutlich einer kam dabei ums Leben. Es dauerte noch bis Mitte Oktober, bevor der belgische Staat diesem Treiben ein Ende bereitete und das Lager räumen ließ. Zwischen 1945 und 1946 kam das Lager erneut als Internierungszentrum für Kollaborateure in Gebrauch, diesmal jedoch als offizielles Gefängnis des belgischen Staates; von Misshandlungen war keine Rede mehr. Die Zeitspanne zwischen dem 4. September und dem 11. Oktober 1944 ging in die Geschichte als »Breendonk II« ein. In Kreisen flämisch-nationalistischer Ex-Kollaborateure wird seither ständig versucht, die Entgleisungen von »Breendonk II« als mindestens ebenso schlimm erscheinen zu lassen wie die Gräuel in dem NS-Lager Breendonk in der Zeit bis Anfang September 1944.
Im Jahr 1946 wurde 23 »Henker von Breendonk««, wie sie im Volksmund allgemein genannt wurden, vor ein belgisches Militärgericht gebracht. Das Interesse an diesem »Prozess von Mechelen« war in der belgischen Bevölkerung sehr groß. Die Angeklagten waren sowohl flämische SSler (die ab September 1941 in Breendonk eingesetzt wurden) als auch »Funktionshäftlinge« (Kapo’s, im Sprachgebrauch von Breendonk auch Vorarbeiter, Stubenälteste, die auch »Zugführer« genannt wurden) und flämische Bürgerarbeiter. Die berüchtigsten unter ihnen waren die SSler Wyss, der wegen 16 Fällen von Mord und Totschlag angeklagt wurde und De Bodt sowie der jüdische Obervorarbeiter Walter Obler aus Wien, die alle den Tod mehrerer Gefangener zu verantworten hatte. Sechzehn der Henker wurden zum Tode verurteilt, davon zwei, darunter auch De Bodt, in Abwesenheit: zwölf wurden erschossen. Im Jahr 1949 folgte der Prozess von Lagerkommandant Schmitt. Seine Exekution im Jahre 1950 war die letzte, die in Belgien stattfand. Die Umwandlung der Todesstrafe des erst 1951 verhafteten Richard De Bodt in lebenslange Gefangenschaft empörte die belgischen politischen Gefangenen. Ihr massiver Protest führte zwar zum Rücktritt des Justizministers, änderte jedoch nichts an dem Urteil für De Bodt, der 1975 im Gefängnis starb.
Andere deutsche SSler kamen glimpflich davon. Zwar gerieten einige von ihnen nach dem Krieg in belgische Gefangenschaft, wurden aber, von einigen Ausnahmen abgesehen, wieder frei gelassen, manchmal allerdings erst nach Monaten oder Jahren Gefängnis. Die meist gefürchteten deutschen SSer wurden nie gefasst. SS-Untersturmführer Arthur Prauss, der die Aufsicht über die Gefangenen hatte, soll im April 1945 in Berlin umgekommen sein. SS-Obersturmführer Johann Kantschuster, der höchstwahrscheinlich hinter den Morden am Wassergrabenrand stand – blieb nach 1945 vermisst. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre leitete das deutsche Gericht eine Untersuchung über die Schuld des zweiten Lagerkommandanten Schönwetter und andere deutsche SSler von Breendonk ein; da das deutsche Recht nur noch die Verfolgung von Personen zuließ, die sich persönlich an Mord und Totschlag schuldig gemacht hatten, wurden schließlich diese Verfahren eingestellt.

Eine Nationale Gedenkstätte
Nach dem Krieg machten sich einige prominente Ex-Gefangene Sorgen um die Bestimmung und die Konservierung der Stätte. »Die grausigen Grabenböschungen von damals« waren in »blumenreiche Gärtchen« umgewandelt, schrieb der Zeitzeuge Paul Lévy. Ein anderer Mitgefangener, das sozialistische Parlamentsmitglied Gaston Hoyaux, hatte sich im Jahr 1946 während der jährlichen Erinnerungsfeierlichkeiten über die Reaktion des Publikums geärgert: die Menge hatte sich vor den Eingang des Lagers geschoben und die früheren Gefangenen zu Seite gedrängt. Seiner Ansicht nach waren sie nicht nach Breendonk gekommen, um die Opfer zu ehren, sondern aus ungesunder Neugier, um die (damals dort einsitzenden) Kollaborateure anzustarren und zu beleidigen. Kinder waren auf die Festungswälle geklettert, so als ob sie in den Dünen spielten, und Erwachsene auf das Schafott des Galgens….Kurz,: »Breendonk war Breendonk nicht mehr! Die Hölle war verändert.« , wetterte Hoyaux im Parlament. Gleichzeitig brachte er einen Gesetzentwurf ein, um Breendonk zu einem nationalen Mahnmal auszurufen. Mit dem Gesetz vom 19. August 1947 hatte er sein Ziel erreicht. Dieses Gesetz ermöglichte die Errichtung eines autonomen öffentlichen Vereins mit eigener Rechtspersönlichkeit, an die der belgische Staat seine vollen Eigentumsrechte an der Festung sowie deren Einrichtungen abtrat. Die Verwaltung dieses neuen Vereins wurde in die Hände eines Verwaltungsrates gelegt, der von früheren Gefangenen überwacht wird.3
Kraft Gesetz wurde auch der Auftrag des Mahnmals festgelegt: Neben dem Erhalt des Ortes mussten auch »alle nützlichen Maßnahmen durchgeführt werden, um das Andenken an die Festung von Breendonk als auch die Ereignisse, die dort geschehen sind, im Geiste der Nation in Erinnerung zu behalten, den Bürgersinn wach zu halten und die vaterlandsliebende Erziehung der Jugend zu fördern«. Die Erinnerung an das tragische Kriegsgeschehen ist in Breendonk somit in eine stark patriotisch gefärbte Beweisführung eingebettet, die auch »Lektionen aus dem Krieg« einbeziehen wollte. So wies Hoyaux beispielweise auch darauf hin, dass der Krieg auch die Demokratie konsolidiert hatte. Der erste Konservator (und spätere Vorsitzende), der Ex-Gefangene und Journalist Paul M. G. Lévy, erklärte anlässlich der Eröffnungszeremonie, dass Breendonk auch »die Aufmerksamkeit auf die Unmenschlichkeit von Diktaturen lenken und eine Lektion in Sachen Liebe, Brüderlichkeit und Bescheidenheit sein muss«.
Sowohl die patriotische Einfärbung als auch die Tatsache, dass die Verwaltung auf den Schultern früherer Gefangener lag, hatte auch Folgen für die Museumstechnik selbst. Erstens wurde bis dahin kaum darauf geachtet, wer die Gefangenen von Breendonk individuell waren. Nach dem bis dahin geltenden Verständnis war Breendonk der Ort, wo tapfere Belgier gelitten hatten, damit andere in Freiheit leben konnten. Eine solche Vorgabe schließt von vorne herein aus, die Diversifizierung der Lagerbevölkerung in den Vordergrund zu rücken: eine Diversifizierung sowohl nach Rassen (Juden, Nicht-Juden), nach Verhaftungsgründen (aus Rassismus, als Geisel, wegen anti-deutscher Haltung, wegen Widerstandstätigkeiten) als auch nach politischer, antideutscher Einstellung. Die heutige Porträtgalerie von Gefangenen im ersten Museumssaal, die gerade ein solches repräsentatives Bild zeichnen will, wäre früher undenkbar gewesen. Selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts stieß diese Auswahl, die eigentlich ohne große Diskussion vom wissenschaftliche Ausschuss der Gedenkstätte gutgeheißen wurde, auf einigen Widerstand seitens mancher Ex-Gefangener, die sich selbst, die eigene Familie oder das eigene Wohngebiet nicht als hinreichend berücksichtigt sahen. Vor fünfzig oder sechzig Jahren wäre eine solche Auswahl auf unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten gestoßen. In internen Kreisen der Gedenkstätte entbrannte in den ersten Nachkriegsjahren dann auch ein politischer Streit, bei dem sich vor allem Katholiken und Kommunisten gegenüber standen. Die ersteren gewannen den Streit, da für die nicht-kommunistischen streng »Antiklerikalen« (dixit Lévy) im Verwaltungsrat die antikommunistische Haltung stärker als die antiklerikale war.
Auch das Interesse am »Henker von Breendonk« beschränkte sich früher auf einen einzigen Museumssaal, in dem über die zwei wichtigsten Prozesse gegen die Kriegsverbrecher von Breendonk informiert wurde (der Mechelen-Prozess und der Prozess gegen Schmitt). Damals wurden die Hintergründe dieser Individuen nicht hinreichend vertieft, wie es gegenwärtig in der wissenschaftlichen Literatur üblich ist. In dem Raum, der zwischen 1940/41 als SS-Büro diente, wird nun über die Lebensläufe der wichtigsten deutschen und flämischen SSer des Lagers informiert.
Noch weniger denkbar wären die Auskünfte im letzten Saal über die Breendonk II-Epoche zwischen September und Oktober 1944. Auch auf dieses weniger glorreiche Blatt in der Geschichte des Lagers wird nun kurz eingegangen und die begangenen Handlungen in ihren geschichtlichen Zusammenhang gerückt.
Viel Aufmerksamkeit in der Gedenkstätte »alten Stils« wurde der Rolle von Monseigneur Gramman, Hauptfeldgeistlicher der Wehrmacht für Belgien und Nordfrankreich, gewidmet. Dieser österreichische Prälat durfte den zum Tode Verurteilten in der letzten Stunde vor ihrem Tod beistehen und nannte sich »Priester für die Katholiken und Freund für alle anderen«. Seine menschlichen Verdienste wurden nie bezweifelt, doch seine Rolle wird in den Augen vieler Nicht-Katholiken zu stark hervorgehoben (so kam in der zur Gedenkstätte umgewandelten ehemaligen Schneiderei ein großer Altar zu Ehren von Mgr. Gramman hinzu). Seit der Renovierung ist dieser Saal dem Thema Lagerschneiderei gewidmet, während an Mgr. Gramman im rein geschichtlichen Zusammenhang in einem anderen Saal gedacht wird. Der Hauptverantwortliche für die Mgr. Gramman gewidmete Aufmerksamkeit war der bereits genannte Paul M.G. Lévy, ein zum Katholizismus Bekehrter jüdischen Ursprungs, der mit Gramman befreundet war.
Mit den Jahren verlor die patriotische Erinnerung in der belgischen Gesellschaft immer mehr an Bedeutung. Parallel dazu sank auch das Interesse an Breendonk, auch wenn es dafür noch andere Ursachen gab. Breendonk war in den 60er und 70er Jahren vor allem Opfer des abnehmenden Interesses für den Zweiten Weltkrieg in einer Wohlstandsgesellschaft, die die grauen Kriegsjahre so schnell wie möglich vergessen wollte. Eine andere Erklärung musste man innerhalb der eigenen vier Wände suchen. Im Laufe der Jahre veraltete die Museumstechnik, mit der die Geschichte von Breendonk dargestellt werden sollte, immer stärker. Nach einer Spitze von 109 731 Besuchern im Jahr 1949 sank diese Zahl immer weiter. Vor allem für die Protestgeneration der 70er Jahre hatte Breendonk keine Botschaft mehr.
Mit 40 066 Besuchern war 1983 der absolute Tiefpunkt erreicht. Im Laufe der 90er Jahre stiegen die Besucherzahlen wieder an. Immer mehr Schulen fanden den Weg zum Mahnmal. Das neu erwachte Interesse war, zumindest bis vor der Renovierung im Jahr 2003, rein externen Faktoren zu danken: Das Interesse am Zweiten Weltkrieg wurde durch die Gedenken in den Jahren 1984–85 und 1994–95 wieder geweckt.

Eine neue Museumsordnung
Um auf das neu erwachte Interesse einzugehen und es sogar noch zu verstärken, war eine Renovierung dringend erforderlich. Auch wenn schon früher darüber nachgedacht wurde, kam es erst im Jahr 2000, unter dem Vorsitz von Prof. em. Roger Coekelbergs, zu ersten konkreten Schritten. Coekelbergs, zuvor im Widerstand (er war einer der regional Verantwortlichen des größten belgischen Geheimdienstes) war selbst früherer Gefangener.
Die alte Stätte wurde durch die neuesten Museumstechniken aufgerüstet: Video, Fotos und Audio-Führer4 geben in einfacher, doch effizienter Art darüber Auskunft, was es hieß, Gefangener in einem SS-Auffanglager gewesen zu sein. Der Rundgang durch die Stätte wurde ausgedehnt und ist nun zwei Mal so lang wie früher: zuvor nicht zugängliche Räume wie Duschen, Toilettenräume und Ställe sind nun zu besichtigen. Wo früher nur rudimentäre Auskunft über das Leben der Gefangenen gegeben wurde, erhalten Besucher jetzt ein Totalbild. Der Rundgang wurde um drei neue Museumssäle bereichert. Hintereinander geben sie eine Übersicht, wer die Gefangenen waren (mittels einer sogenannten Porträtgalerie), zeigen, dass Breendonk nur ein Rädchen im gesamten nationalsozialistischen Repressionsapparat war (mit Verweisen auf andere Gefängnisse und Exekutionsplätze in Belgien sowie auf Konzentrationslager, die die Endbestimmung für viele Gefangene waren) und geben Auskunft über Breendonk nach der Befreiung.
Die neue Gedenkstätte will also auf knappe, aber korrekte und so objektiv wie mögliche Art und Weise zeigen, was hier während des Zweiten Weltkriegs passiert war. Nirgendwo sind die Botschaften aufdringlich. Nur am Ende, im vierten Saal, wird ein kleiner Film gezeigt, der zu einem weiteren Nachdenken über Menschenrechtschändungen überall in der Welt einlädt. Breendonk präsentiert sich gegenüber der Außenwelt mehr und mehr als »Memorial der Menschenrechte«. Bei Schulen wird erwartet, dass die Lehrer angepasste pädagogische Begleitung liefern. Seit September 2003 werden monatlich niederländisch- und französischsprachige Seminare für das Lehrpersonal organisiert. Die Steigerung der Besucherzahlen war seit der Renovierung spektakulär: von 52 289 für 2002 auf 82 020 für 2004. Da Ende Juni 2005 bereits 52 000 Besucher gezählt wurden, wird die Endjahresziffer deutlich höher liegen. Der heutige Vorsitzende will den Weg der Erneuerung fortsetzen. Es bestehen Pläne, um an die Stelle neben dem Eingangsgebäude, wo während des Krieges die Baracken für die Wehrmachtssoldaten standen, ein neues Gebäude zu errichten: damit kann die Gedenkstätte über weitere Räumlichkeiten für zeitliche Ausstellungen sowie eine Mensa für besuchende Schüler verfügen. Es besteht Hoffnung, diese Pläne bereits im Jahr 2006 zu verwirklichen.

1 Die nachfolgende geschichtliche Übersicht basiert auf meinem bisher nur auf Niederländisch
erschienenen Buch »Breendonk 1940–1945: Die Geschichte«, Standaard Verlag Antwerpen, 2004,
400 Seiten. Eine französische Fassung erscheint Anfang November 2005.
2 Siehe auch Verweis von Wolfgang Benz in seinem Buch: Nationalsozialistische Zwangslager.
Ein Überblick. In: Benz & Distel (Hg.) Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 1. Die Organisation des Terrors, CH. Beck, München, S. 17: »Das Feld der ›Polizeihaftlager‹ im nationalsozialistischen Herrschaftsgebiet ist noch weitgehend unerforscht.«
Der geplante siebente Band von Der Ort des Terrors soll jedoch auch einen Überblick geben.
3 Im Jahr 2003 wurde das Gesetz geändert. Breendonk ist seither nicht mehr autonom, sondern eine öffentlich-rechtliche Einrichtung unter der Vormundschaft des Verteidigungsministers.
Im Verwaltungsrat sitzt seither nur noch ein Ex-Gefangener, der Vorsitzende Roger Coekelbergs.
4 Audio-Führer sind für individuelle Besucher vorgesehen. Gruppen bekommen Führungen
Bibl.:
Nefors, Patrick : Das Lager Breendonk: vom SS-Auffanglager bis zum Mahnmal für Menschenrechte (Rb 127). .