Die unglaubliche Geschichte der Régine Krochmal

Brüssel/Eupen. Dies ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau und einer
unglaublichen Begebenheit. Es ist die Geschichte der Régine Krochmal.
Sie handelt von Verfolgung, Flucht und beeindruckendem Mut. Und sie handelt von einer tollkühnen Rettungsaktion, die in den Jahren der Nazi-Barbarei einzigartig war: dem Überfall belgischer Widerstandskämpfer auf einen Deportationszug nach Auschwitz.
Immer wieder dieses Lächeln: Es ist charmant und einnehmend, kommt aus wachen,
hellbraunen Augen. Manchmal wirkt es jugendlich-spitzbübisch, manchmal sogar ein
wenig kokett. Nur in seltenen Augenblicken legt sich ein Schatten auf das Gesicht von
Régine Krochmal. «Erinnerungen sind Vergangenheit. Leben heißt nach vorne schauen»,
sagt die 87-Jährige mit fester Stimme. All ihre inneren Kämpfe der vergangenen
Jahrzehnte lassen sich nur erahnen. Sprechen will die zierliche Frau darüber nicht. Wenn
sie über ihre Vergangenheit redet, dann meist in einem sachlichen, fast schon
nüchternen Ton.
Régine ist 19 Jahre alt, als deutsche Truppen im Mai 1940 Belgien überfallen und ihre
Heimatstadt Brüssel besetzen. Politik hat das lebenslustige Mädchen bislang nicht
sonderlich interessiert. Von ihrer besten Freundin Marianne – einer Jüdin, die 1938 mit
den Eltern aus Deutschland nach Belgien geflohen war – hat Régine zwar schreckliche
Dinge über die Nazis gehört. Doch was soll ihr schon passieren? Im liberalen Belgien ist
Religion Privatsache. Für die Familie Krochmal, die seit 1920 in Brüssel wohnt, hat ihre
deutsch-jüdische Abstammung nie eine große Rolle gespielt. Régine begreift sich nicht als
Jüdin.
Doch das ändert sich. Anfang Juni 1942 verbietet die deutsche Militärverwaltung allen
Juden, medizinische Berufe auszuüben. Für Régine hat das Folgen: Sie darf nicht als
Krankenschwester und Hebamme arbeiten. Gemeinsam mit Marianne verdient sie ihren
Lebensunterhalt in der Suppenküche einer jüdischen Hilfsorganisation. Hier verkehren
auch österreichische Emigranten. Es sind ehemalige Spanienkämpfer, Kommunisten,
untergetauchte Flüchtlinge. Sie haben eine der vielen Widerstandsgruppen in Belgien
gegründet. Als «Österreichische Befreiungsfront» besorgen sie Papiere für Illegale,
organisieren Verstecke. Aber die Gruppe druckt auch Flugblätter und eine
deutschsprachige Untergrundzeitung, die sie nachts vor den Kasernen der Besatzer
auslegen.
Gefährlichste Aktionen
Fasziniert von den Widerständlern stürzen sich die zwei jungen Frauen in die konspirative
Arbeit. Beiden fällt eine besondere Aufgabe zu. Sie und andere Mädchen der Gruppe
sollen einzelne deutsche Soldaten ansprechen, sich mit ihnen verabreden und heraus
finden, ob die Wehrmachts-Angehörigen für kritische Informationen empfänglich sind. Ist
das der Fall, versuchen politisch geschulte Mitglieder der Gruppe, die Soldaten zum
Desertieren zu überreden.
Es sind hochgefährliche Aktionen. Immer wieder kommt es zu Festnahmen. Réginehat
Glück – bis zum 19. Januar 1943. Am Abend druckt sie mit zwei Freunden in einer
Wohnung Flugblätter. Da schlägt es gegen die Tür. Gestapo. Razzia. Régine öffnet
leichtbekleidet. Sie gibt sich den Nazi-Schergen als untergetauchte Jüdin zu erkennen,
erzählt, dass die Wohnungsbesitzer ihr für einige Gefälligkeiten ein Nachtlager angeboten
hätten. Die Deutschen fallen auf das Ablenkungsmanöver herein. Sie verhaften Régine,
verzichten aber darauf, die Wohnung zu durchsuchen. Während ihre Freunde die
Druckmaschine in Sicherheit bringen und fliehen können, tritt Régine eine Fahrt in die
Hölle an.
«Mut, Mut, Mut, was heißt schon Mut?» Immer wieder schüttelt Régine Krochmal ihren
Kopf. «Was ich damals gemacht habe, war keine Frage des Mutes. Ich bin nur meinem
Herzen gefolgt, wollte etwas Nützliches und Sinnvolles tun.» Nein, die ehemalige
Widerstandskämpferin will keine Heldin sein, scheint sich gegen jede Art von Verklärung
wehren zu wollen. Als sei ihr Opfer etwas völlig Selbstverständliches gewesen, sagt sie:
«Die beiden Männer mussten den einzigen Druckapparat der Gruppe retten. Das war
unser Schatz. Ich stand in jener Nacht nur vor der Wahl: Gebe ich mich als Jüdin zu
erkennen, dann bin ich zum Tode verurteilt. Werden wir als Widerstandskämpfer
verhaftet, dann sind wir zum Tod und zur Folter verurteilt.»
Die Gefahr, der sie sich damals ausgesetzt habe, sei ihr immer bewusst gewesen. Und
trotzdem: «Es war mit die glücklichste Zeit meines Lebens. In der Gruppe gab es eine
große Wärme und einen enormen Zusammenhalt.» Régine erzählt von ihrer Freundin
Marianne. «Sie hat mir beigebracht, mich selbst und andere zu lieben. Von ihr habe ich
gelernt, was Freundschaft, was Toleranz, was Lebensfreude ist.» Trauer und Wehmut
liegen kurz in ihrer Stimme. Ja, Marianne. Sie hat die Shoah nicht überlebt. Ihre Spur
verliert sich in den deutschen Vernichtungslagern.
Auschwitz – dorthin soll auch Régine deportiert werden. Nach ihrer Verhaftung bringt sie
die Gestapo in die Dossin-Kaserne von Mechelen. Das alte Festungsgemäuer ist das
zentrale Sammellager der SS für in Belgien verhaftete Juden und Zigeuner. Von hier aus
gehen die Transporte in die Vernichtungscamps. Die Zustände in Mechelen sind ähnlich
wie in den anderen Lagern der Nazis: Das tägliche Essen besteht aus einer dünnen Brühe
und einer kleinen Ecke Brot, geschlafen wird auf Stroh, Decken gibt es selbst im tiefsten
Winter nicht, Prügel ist an der Tagesordnung.
Ständig versuchen die Deutschen, ihre Opfer zu demütigen, ihnen den letzten Rest
Würde zu nehmen. Régine muss das immer wieder mit ansehen. So wird den
Ausgehungerten eine zusätzliche Essensration in Aussicht gestellt, wenn sie die Kloaken
nach Wertgegenständen durchwühlen. Einige Gefangene machen es. Doch die SS-Männer
brechen das Versprechen. Ihnen geht es nur darum, ihre Opfer mit Kot beschmiert zu
sehen. Tagelang müssen die ausgemergelten Gestalten so herumlaufen. Waschen dürfen
sie sich nicht.
Fast drei Monate verbringt Régine in dem Lager. Am 19. April 1943 fährt schließlich ein
Zug vor. Fast alle Gefangenen werden in 30 Viehwaggons getrieben. Laut Buchführung
der Lagerverwaltung sind es 1631 Juden – der Älteste 90 Jahre, die jüngste Insassin ist
erst vor sechs Wochen in der Kaserne geboren worden. Sie sollen in den Osten gebracht
werden, in ein Arbeitslager. So verkündet es die SS. Die meisten Häftlinge glauben das.
Auch Regine. Doch kurz bevor sie in den Waggon steigt, steckt ihr ein Mithäftling ein
Messer zu und flüstert: «Versuche Dich zu befreien. Im Osten werden sie euch alle
verbrennen.» Für Regine steht jetzt fest: Sie wird versuchen zu fliehen.
Um 22 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung. Sein Ziel: Auschwitz. Es ist der 20.
Deportationszug, der Mechelen seit Beginn der Besatzungszeit verlässt. Régine ist in
einen der letzten Waggons gesteckt worden. Hier haben die Deutschen die Kranken auf
Stroh gestapelt. Es sind lebende Tote. Gemeinsam mit einem jungen jüdischen Arzt soll
sich Régine um sie kümmern. Doch wie helfen? Es gibt in dem Waggon weder Wasser,
noch Lebensmittel, noch Medikamente.
Auch der Horror kann zum Alltag werden. Manches, was damals geschah, hat Régine
Krochmal vergessen. Einige Bilder mussten verschwimmen, weil nur so ein Überleben
möglich war. Andere Bilder sind verschwunden, weil sie von eindrücklicheren überlagert
wurden. Doch an die Ereignisse der Vollmondnacht vom 19. auf den 20. April 1943 kann
sich Régine auch 65 Jahre später noch in Einzelheiten erinnern. Heute weiß die alte
Dame: Als junge Frau hat sie in jenen Stunden das einzig Richtige getan.
Mit letzter Kraft
Kurz nachdem der Zug das Lager verlassen hat, weiht Régine den Arzt in ihre Pläne ein,
versucht, ihn zu überreden, mit ihr zu «flitzen». Doch der sperrt sich, will bei den
Todgeweihten bleiben und auch Régine an der Flucht hindern. Es kommt zu einem
Wortgefecht, zu einem Kampf. Mit all ihrem Überlebenswillen schlägt die
Widerstandskämpferin den Mann nieder. Dann zerstört sie mit dem Messer das Holzgitter
vor der Luke des Viehwaggons.
Mit letzter Kraft zieht sie sich zu der kleinen Öffnung hoch, zwängt sich hindurch, lässt
sich aus dem langsam fahrenden Zug fallen und landet in der Böschung neben dem
Bahndamm. Wie durch ein Wunder bleibt die junge Frau unverletzt. Im gleichen
Augenblick aber hält der Zug. Es fallen Schüsse, zunächst nur einige, kurze Zeit später
hört Régine Salven aus Maschinenpistolen.
«Ich war wie gelähmt, habe mein Gesicht in die Erde gedrückt und geglaubt, nun sei
alles vorbei», erinnert sich die Belgierin. «Natürlich war ich überzeugt, dass die
Wachmannschaften meinen Sprung gesehen hatten und mich nun suchten.» Aber dem
war nicht so. Den Grund für den Stopp sollte Regine allerdings erst Jahre später
erfahren.
Wochenlang war von Youra Livschitz an dem Plan gearbeitet worden. Der jüdische
Widerständler hatte Kontakt zur belgischen Partisanenarmee aufgenommen und für seine
Idee geworben. Vergeblich. Einen schwer bewachten Deportationszug der Deutschen zu
überfallen, um Gefangene zu befreien, das erschien den Untergrundkämpfern viel zu
riskant. Nur Robert Maistriau und Jean Franklemon, zwei alte Schulfreunde des 25-
Jährigen, hatten sich bereit erklärt, mitzumachen. Am Abend des 19. Aprils fahren sie mit
ihren Fahrrädern nach Boortmeerbeek, einem kleinen Ort zwischen Mechelen und Löwen.
Hier, in der Nähe eines kleinen Waldes, wagen sie das Unmögliche.
Mit einer Sturmlampe, die aussieht wie eine rote Signalleuchte, bringen sie den Zug zum
Halten. Livschitz gibt mit der einzigen Pistole der Gruppe mehrere Schüsse ab. Die
deutschen Wachmannschaften scheinen völlig überrascht zu sein. Einige Augenblicke ist
es still.
Dann beginnen sie mit Maschinenpistolen wild zu feuern, verlassen den Zug aber
zunächst nicht. Die Deutschen scheinen zu glauben, dass eine größere Partisanengruppe
hinter dem Überfall steckt und Angst vor Heckenschützen zu haben. In dieser kurzen Zeit
gelingt es Maistriau und Franklemon, mit Zangen das Schloss eines Waggons zu öffnen
und die Schlösser anderer Waggons zu beschädigen. Über ein Dutzend Gefangene holen
sie aus dem Zug heraus. Dann müssen die drei Widerstandskämpfer ihr Unternehmen
abbrechen. Nur mit viel Glück gelingt es ihnen, den ausschwärmenden Deutschen zu
entkommen.
«Ich war und ich bin kein religiöser Mensch», sagt Régine Krochmal. «Aber ich glaube
nicht an Zufälle. Es war kein Zufall, dass genau im Augenblick meiner Flucht der Überfall
stattfand.» Bis heute sucht Régine nach einem Zusammenhang, versucht sich die Magie
dieses Tages zu erklären. Vor allem, seit sie weiß, dass am 19. April 1943 auch im
besetzten Polen etwas Großes geschah. Dort wagten die letzten Überlebenden des
Warschauer Gettos einen heroischen Aufstand gegen die Deutschen. Sie wollten sich
nicht wie Lämmer zur Schlachtbank schleppen lassen, wollten der Opferrolle entkommen.
Schweigen trotz Folter
Entkommen kann auch Régine Krochmal. Nachdem der Zug wieder Fahrt aufgenommen
hat, läuft sie los und trifft auf einen belgischen Bahnwärter, der die junge Frau mehrere
Stunden lang auf seinem Grundstück versteckt. Am nächsten Tag fährt sie mit der
Straßenbahn zurück nach Brüssel. Hier arbeitet sie wieder für ihre Widerstandsgruppe.
Monatelang. Bis sie von einem deutschen Soldat erkannt und verhaftet wird.
Als Widerstandskämpferin gerät Régine nun in die Foltermaschinerie der Nazis. Mit aller
Gewalt versuchen die Deutschen, im Lager von Mechelen Informationen über den
belgischen Widerstand aus ihr herauszuprügeln.
Die junge Frau schweigt. Schließlich wird sie zum Tode verurteilt und soll im Sommer
1944 zur Exekution ins Reich gebracht werden. Doch die bürokratische Seite der
deutschen Mordmaschine rettet ihr das Leben. Da unter dem Urteil eine Unterschrift
fehlt, scheitert ihr Abtransport. Tage später, am 3. September 1944, rücken die Alliierten
in Brüssel ein. Régine ist frei.
Über das, was in den fensterlosen Folterzellen der Nazis geschehen ist, redet Régine
nicht. Sie sagt nur: «Die dicken Mauern der Kaserne haben meine Schreie geschluckt.»
Die physischen Spuren der Tortur sind bis heute geblieben. Einen Hass auf alles, was
deutsch ist, hat sie trotzdem nicht. «Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die Religion oder
die Nationalität bedeuten wenig, das Wesentliche kommt vom Herzen.» Diesen Satz hat
ihr im Lager von Mechelen ein kommunistischer Mitgefangener gesagt. Für Régine
Krochmal ist er zum Lebensmotto geworden.
Die Erinnerung
Nach dem Krieg arbeitet Régine Krochmal als Hebamme. Sie heiratet und wird Mutter.
Mann und Sohn sind inzwischen verstorben.
Hat sie ihnen jemals von dem erzählt, was sie zuletzt in Mechelen durchlitten hat? Die
alte Dame schweigt. Schweigt lange. Ist ihr die Frage zu nah, zu intim? Löst sie Bilder
aus, die tief versteckt sind? Es gibt Kinder von Überlebenden der Shoah, die erst nach
dem Tod der Eltern erfahren haben, dass Vater und Mutter in einem Konzentrationslager
waren.
Nie haben die Eltern über ihr Leiden reden können. Sie haben versucht zu verdrängen.
Weil sie nicht hätten leben können mit einem Kopf, der ständig platzen und einer Seele,
die ständig zerspringen will. Weil jedes Erzählen ein neues Erinnern und neues
Durchleiden gewesen wäre.
Régine räuspert sich. Dann sagt die große alte Dame mit leiser Stimme und ohne jedes
Pathos: «Man muss bereit sein, für seine innere Harmonie zu kämpfen. Man muss lernen
zu lieben.»
Gedenken an die Rettungsaktion in Eupen
Aus dem 20. Deportationszug konnten bis zum Erreichen der deutschen Grenze bei
Aachen insgesamt 231 Juden entkommen. Vielfach gelang es ihnen, die von den
Partisanen beschädigten Schlösser an den Waggons von innen aufzubrechen.
Régine Krochmal hat vor wenigen Wochen auf Initiative des Historikers Herbert Ruland in
Eupen erstmals öffentlich über ihre Vergangenheit geredet. Teilweise wurde ihre
Geschichte bereits in dem Buch «Stille Rebellen» von Marion Schreiber (Aufbau-Verlag)
veröffentlicht.
Zum Gedenken an den Jahrestag der Rettungsaktion wird es am Bahnhof in Eupen am 8.
Mai (18 Uhr) eine Gedenkveranstaltung geben. Wenn es ihre Gesundheit zulässt, wird
Régine Krochmal die Eröffnungsrede halten.


6 Antworten auf „Die unglaubliche Geschichte der Régine Krochmal“


  1. 1 mina 31. Oktober 2009 um 23:23 Uhr

    Joods Museum van Deportatie en Verzet in Mechelen

    Am 7. Mai 1995 wurde das „Jüdische Deportations- und Widerstandsmuseum“ in einem Flügel der ehemaligen Dossin-Kaserne durch König Albert II. eingeweiht. Es dokumentiert die Geschichte des Völkermords an den belgischen Juden sowie Sinti und Roma.

    Nach der Befreiung diente die Kaserne zunächst ab dem 16. September 1944 als Internierungslager für Kollaborateure. Später wurden die Bahngleise entfernt und der Gebäudekomplex bis zum Jahr 1973 als Ausbildungszentrum der belgischen Armee genutzt.

    Trotz jährlicher Gedenkfeiern gab es zunächst keine Pläne, einen Teil der Kaserne als Gedenkstätte einzurichten. Allerdings wurden neben dem Eingang zum früheren Kasernenhof mehrere Gedenktafeln angebracht. Sechs Fragmente des ehemaligen Bahngleises symbolisieren dort heute die sechs Millionen jüdischen Opfer. Eine am 3. Juni 1995 eingeweihte Tafel erinnert an die von hier aus deportierten Sinti und Roma.

    Erst als die Stadt Mechelen Anfang der 1970er Jahre den Abriss des Gebäudes erwägte, regte sich ein öffentlicher Protest, und das historische Eingangsportal wurde unter Denkmalschutz gestellt. Im Jahr 1982 erwarb die Stadt die frühere Kaserne und beschloss zwei Jahre später, dort moderne Apartmenteinheiten einzurichten. In einem eher düsteren Flügel der Anlage wurde das Stadtarchiv untergebracht. 1989 bezogen die ersten Bewohner den in „Hof von Habsburg“ umbenannten Komplex.

    Eines der Apartments blieb im Rohbauzustand für die spätere Einrichtung eines Museums oder Gedenkorts vorgesehen. Während in den 1990er Jahren die Idee zur Einrichtung eines Museums über die Deportationen mehr und mehr heranwuchs, sorgten sich die von diesen Planungen überraschten neuen Bewohner um ihre Sicherheit, da sie antisemitische Anschläge befürchteten.

    Am 20. September 1992 wurde schließlich auf Initiative der Vereinigung der jüdischen Deportierten von Belgien und des Jüdischen Zentralrats Belgiens mit Unterstützung durch die Regierung, die Flämische Gemeinschaft, die Provinz Antwerpen und die Stadt Mechelen der Grundstein für die Errichtung des Museums in einem Flügel der früheren Dossinkaserne gelegt. Zum 50. Jahrestag der Befreiung am 7. Mai 1995 wurde das „Jüdische Deportations- und Widerstandsmuseum“ durch König Albert II. eingeweiht.

    Es dokumentiert heute am authentischen Ort die Geschichte des Völkermords an den belgischen Juden sowie Sinti und Roma, die Zusammenarbeit belgischer Behörden bei der Organisation der Deportationen, das Entkommen zahlreicher jüdischer Kinder durch das solidarische Verhalten vieler Belgier und den jüdischen Widerstand. Dem Museum anschlossen sind eine Bibliothek und ein Archiv, die nach vorheriger Absprache benutzt werden können.

    Im Jahr 2001 beschloss die belgische Regierung, die bestehenden Museumsräume, die umgebenden Freiflächen und ein angrenzendes Gebäude in ein neues Zentrum „Kazerne Dossin – Memoriaal, Museum en Documentatiecentrum over Holocaust en Mensenrechten“ umzubauen. Für die Realisierung des Projektes, dass im Jahr 2011 abgeschlossen sein soll, hat der belgische Staat 18 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

  2. 2 mina 31. Oktober 2009 um 23:26 Uhr

    Sammellager

    Mehr als 25.000 belgische Juden, darunter 5.430 Kinder, sowie 351 belgische Sinti und Roma wurden vom „SS-Sammellager“ Mechelen aus in die nationalsozialistischen Vernichtungslager deportiert. Weniger als fünf Prozent von ihnen überlebten und kehrten nach dem Krieg zurück.

    Im Jahr 1756 wurde in Mechelen/Malines, zwischen Brüssel und Antwerpen, die General-Dossin-de-Saint-Georges-Kaserne als Österreichische Infanteriekaserne eingeweiht. Von 1942 bis 1944 diente sie als zentrales Durchgangslager bei der Deportation der belgischen Juden und Sinti und Roma in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager.

    Vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs lebten in Belgien mindestens 56.000 Juden – Schätzungen gehen sogar von 60.000 bis 70.000 aus. Nur etwa 7% von ihnen besaßen die belgische Staatsbürgerschaft. Der größte Teil der Menschen war aus Osteuropa nach Belgien emigriert oder aus Deutschland und Österreich vor den nationalsozialistischen Verfolgungen geflohen. Viele von ihnen träumten von einer Auswanderung nach Amerika oder Palästina.

    Nach dem Einmarsch verabschiedeten die deutschen Besatzer zahlreiche antijüdische Verordnungen und Gesetze. Die jüdische Bevölkerung wurde in den vier großen Städten Brüssel, Antwerpen, Lüttich und Charleroi konzentriert, ihre Besitztümer wurden registriert und ab dem 27. Mai 1942 musste sie zur Kennzeichnung einen gelben Stern tragen. Am 11. Juni 1942 erhielt die Brüsseler „Zentralstelle für jüdische Angelegenheiten“ aus Berlin den Auftrag, die Deportation der ersten 10.000 Juden aus Belgien vorzubereiten. Für diesen Zweck wurde in der Dossinkaserne das „SS-Sammellager Mechelen“ eingerichtet.

    Die Kaserne lag in einem Wohngebiet und bestand aus einem quadratischen, dreistöckigen Gebäudekomplex, in dessen Mitte ein Innenhof angelegt worden war.

    Am 4. August 1942 verließ der erste Transport das Lager. Bis zum 31. Juli 1944 folgten 27 weitere, die bis auf wenige Ausnahmen in Auschwitz-Birkenau endeten. Insgesamt wurden aus Belgien 25.124 Juden, darunter 5.430 Kinder, deportiert. Nur 1.207 (weniger als 5 Prozent) von ihnen überlebten die Deportation und kehrten nach dem Krieg zurück.

    Weiterhin wurden 5.034 in Frankreich „untergetauchte“ belgische Juden verhaftet und über das Lager Drancy bei Paris nach Auschwitz deportiert. Nur 317 von ihnen überlebten.

    Am 15. Januar 1944 verließ das Sammellager ein Transport mit 351 belgischen Sinti und Roma. Nur 13 der Deportierten überlebten.

    Das Lager Mechelen war administrativ dem „Auffanglager Breendonk“ zugeordnet, dessen SS-Kommandant Philip Schmitt für die Leitung beider Lager zuständig war. Die Wachmannschaft setzte sich – mit Ausnahmen einiger Flamen – aus deutschem Personal zusammen. Nur wenige erhaltene Zeugnisse dokumentieren das Leben der Gefangenen im Sammellager: das Gebäude selbst, einige Archivalien, Fotos, Briefe und Postkarten und verschiedene Zeichnungen aus der „Maler-Stube“. Als sicherlich bedeutendste Dokumente sind die kompletten Deportationslisten erhalten geblieben.

    Männer, Frauen und Kinder verschleppten die Besatzer in das „Sammellager Mechelen“. Bei der Ankunft wurden ihnen alle Eigentümer von SS-Angehörigen abgenommen und ihre Namen durch Nummern ersetzt. Der Aufenthalt im Lager war meistens nur von sehr begrenzter Dauer. Nur wenn eine Gefangenengruppe nicht groß genug für den Abtransport war, interne Verwaltungsprobleme bestanden oder Gefangene beim Unterhalt des Lagers mitarbeiten mussten, blieben sie von einer sofortigen Deportation verschont.

    Unter den Häftlingen, die längere Zeit im Lager blieben, befand sich eine Gruppe von bekannten belgischen Malern, darunter u. a. Léon Landau aus Antwerpen und Jacques Ochs aus Liège. Sie mussten im Auftrag der SS die Nummern der Gefangenen aufmalen, Schilder herstellen, aber auch Porträts des SS-Personals anfertigen. Unbemerkt von den Aufsehern zeichneten sie heimlich Szenen des Lageralltags und Porträts von Mitgefangenen. In ihrer aussichtslosen Situation war die Malerei eine bedeutende Widerstandshandlung, die ihnen dabei half, ihre menschliche Würde zu bewahren und ihnen Kraft zum Überleben gab.

    Auch der in Osnabrück geborene jüdische Künstler Felix Nussbaum und seine Frau Felka Platek waren nach ihrer Verhaftung am 20. Juni 1944 in Brüssel für einige Wochen Gefangene in Mechelen. Mit dem letzten Transport am 31. Juli wurden sie nach Auschwitz deportiert und dort am 9. August 1944 ermordet.

    Mitglieder des jüdischen Widerstands schmuggelten wiederholt Werkzeuge ins Lager, mit denen Fluchten aus den Transportzügen ermöglicht werden sollten. Zu einer spektakulären Widerstandsaktion kam aus, als der Transport Nr. 20 mit 1.618 Juden am 19. April 1943 von drei jungen Belgiern gestoppt wurde, um die Deportierten zu befreien. Ausgerüstet mit drei Zangen, einer mit rotem Papier beklebten Sturmleuchte sowie einer Pistole, führten Youra Livchitz, Jean Franklemon und Robert Maistriau einen Plan aus, den jüdische Widerständler erdacht, bewaffnete Partisanen aber als zu riskant verworfen hatten. Sie befreiten in der Nähe von Boortmeerbeek 17 Männer und Frauen, dann eröffneten die deutschen Bewacher das Feuer. Bis der Transportzug die deutsche Grenze erreichte, konnten weitere 225 Gefangene entkommen.

    In der Nacht vom 3. auf den 4. September 1944 zogen die Wachmannschaften des Sammellagers angesichts der näherrückenden alliierten Truppen ab und ließen über eintausend jüdische Häftlinge zurück. Etwa 500 bis 600 von ihnen flohen anschließend aus der Kaserne. Am 5. September trafen kanadische und englische Einheiten in Mechelen ein.

  3. 3 mina 31. Oktober 2009 um 23:28 Uhr

    Nationaal Gedenkteken Fort Breendonk

    Im Jahr 1947 beschloss das belgische Parlament einstimmig die Gründung der Nationalen Gedenkstätte Festung Breendonk als unabhängige Einrichtung. Die Gedenkstätte widmet sich seitdem der baulichen Erhaltung der Festung und der dort aufbewahrten Gegenstände sowie der Erinnerung an die Geschehnisse im Lager Breendonk.

    Am 4. September 1944 erreichten britische Panzereinheiten die leerstehende Festung, die zunächst bis zum 10. Oktober zur spontanen Internierung aufgegriffener Kollaborateure diente. Von Ende 1944 bis zum 31. Dezember 1946 wurden die Anlagen des Forts offiziell vom belgischen Staat als Internierungszentrum für Landesverräter und Kollaborateure benutzt.

    Nach der Räumung des Internierungslagers beschloss das belgische Parlament am 19. August 1947 einstimmig per Gesetz die Gründung der Nationalen Gedenkstätte Festung Breendonk als unabhängige Einrichtung. Sie widmet sich seitdem der baulichen Erhaltung der Festung und der dort aufbewahrten Gegenstände sowie der Erinnerung an die Geschehnisse im Lager Breendonk im Sinne der Vermittlung demokratischer, gesellschaftlicher und antirassistischer Grundwerte. Durch Unterstützung des belgischen Verteidigungsministers André Flahaut konnte die gesamte Anlage zu Beginn der Jahrtausendwende renoviert werden. Zahlreiche, bisher für Besucher nicht zugängliche, historische Räume wurden abschließend in einen neuen Besucherrundweg aufgenommen.
    Eine neue und umfassende wissenschaftliche Grundlagenforschung zur Geschichte der Festung bildete die Basis für die Einrichtung einer zeitgemäßen und an den gegenwärtigen Bedürfnissen der Besucher ausgerichteten neuen Ausstellung. Am 6. August 2003 weihte König Albert II. die renovierte und erweiterte Gedenkstätte feierlich ein. Auch das Gründungsgesetzt aus dem Jahr 1947 wurde den aktuellen Verhältnissen angepasst und die Gedenkstätte offiziell in das Ressort des belgischen Verteidigungsministeriums eingegliedert.

    Die ursprünglichen Anlagen und Einrichtungen des „Auffanglagers“ sind größtenteils im Originalzustand erhalten und können bei einem Rundgang von ca. 2 Stunden besucht werden. An verschiedenen Stationen stehen den Besuchern erklärende Audio- und Videoinformationen zur Verfügung.

    Die Gedenkstätte Breendonk ist heute eines der besonders authentisch erhaltenen nationalsozialistischen Lager in Westeuropa.

    Sie umfasst heute u.a. folgende Anlagen und Objekte zur Besichtigung: Eingangstunnel mit dem SS-Kasino, Häftlingszellen, Gefangenenräume, Leichenhalle, Folter- und Verhörkammer, Häftlingsbaracken, ehemaliges Verwaltungsbüro und Lagerdruckerei, Arbeitsgelände, Hinrichtungsstätte und Dunkelzellen.

    Außerhalb der Festung blieb das aus einem Wassergraben, Stacheldrahtzaun und Wachtürmen bestehende Sicherungssystem erhalten. Im Jahr 1954 weihte König Boudewijn vor dem Festungsareal das Denkmal „Politischer Gefangener“ des Bildhauers Idel Janchelevici ein.

    Die im Jahr 2003 eröffnet neue Ausstellung wurde dezentral in verschiedenen historischen Räumen eingerichtet und dokumentiert die zahlreichen Aspekte der Lagergeschichte.

    Der Rundgang endet in einem Gedenkraum mit den Namen aller bisher bekannten Häftlinge und Urnen mit der Asche aus verschiedenen nationalsozialistischen Konzentrationslagern, in die Gefangene aus Breendonk verschleppt wurden.

    Das Archiv und die Bibliothek der Gedenkstätte können nach vorheriger Absprache für wissenschaftliche Zwecke und Recherchen benutzt werden.

    http://www.gedenken-in-benelux.de

  4. 4 mina 31. Oktober 2009 um 23:30 Uhr

    Auffanglager Breendonk

    Die Anfang des 20. Jahrhunderts errichtete Festung Breendonk wurde vom deutschen Sicherheitsdienst im September 1940 als „Auffanglager Breendonk“ eingerichtet. Das Lager wurde zum Zentrum der Aktivitäten des Sicherheitsdienstes in Belgien und Nordfrankreich. Bis zur Auflösung wurden dort mindestens 3.532 Menschen inhaftiert.

    Der Ort Breendonk in der Gemeinde Willebroek liegt im südlichen Teil der belgischen Provinz Antwerpen auf halber Strecke zwischen Brüssel und Antwerpen sowie Mechelen und Dendermonde.

    Von 1906 bis 1914 wurde an dieser strategisch wichtigen Position die Festung Breendonk errichtet, die im Ersten Weltkrieg eine bedeutende Rolle bei der Belagerung Antwerpens spielte. Beim Angriff der deutschen Wehrmacht auf Belgien am 10. Mai 1940 richtete König Leopold III. mit seinen Beratern dort das Allgemeine Hauptquartier ein, bis dieses am 17. Mai in die Umgebung von Gent verlegt wurde.

    Die zentrale Lage der Festung bewog schließlich den nationalsozialistischen Sicherheitsdienst (SD) dazu, in den Anlagen das zentrale „Auffanglager Breendonk“ einzurichten. Sehr bald wurde das Lager zum Zentrum der Aktivitäten des Sicherheitsdienstes in Belgien und Nordfrankreich und zum zentralen Gefangenenlager.

    Am 20. September 1940 wurde es unter Leitung des Kommandanten SS-Sturmbannführer Philipp Schmitt mit den ersten 20 Gefangenen eröffnet. Bis zur Auflösung wurden in Breendonk mindestens 3.532 Menschen inhaftiert. Im ersten Besatzungsjahr befanden sich unter den Häftling etwa rund 50% Juden, die sich den antijüdischen Maßnahmen der Nationalsozialisten widersetzt hatten.

    Mit der Errichtung eines zentralen Sammellagers für die belgischen Juden in der Dossinkaserne im nahgelegenen Mechelen wurden die meisten jüdischen Häftlinge dorthin überführt. Die von den Gefangenen so bezeichnete „Hölle von Breendonk“ wurde von da an ein Ort zur Inhaftierung von politischen Häftlingen und Mitgliedern der verschiedenen Widerstandsgruppen. In Breendonk wurden nachweislich mindestens 164 Gefangene als Repressalien-Geiseln erschossen und 21 nach einer Verurteilung erhängt. Weitere 98 starben an den Folgen der schlechten Lebensbedingungen, an Folter und durch Todschlag oder im Kriegslazarett in Antwerpen, wohin die Schwerstkranken gebracht wurden. Insgesamt 108 Insassen wurden andernorts hingerichtet.

    Am 22. September 1941 deportierte die SS die ersten belgischen politischen Häftlinge ins Deutsche Reich. Mit diesem Transport in das Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg wurde Breendonk zum Durchgangslager. Insgesamt etwa 2.330 Gefangene verbrachten durchschnittlich drei Monate hinter den Festungsmauern, bevor sie in andere nationalsozialistische Gefängnisse und Konzentrationslager verschleppt wurden.

    Die inhaftierten Menschen mussten schwerste Arbeit leisten. Rund 300.000 Tonnen Erde, die beim Ausheben des umliegenden Wassergrabens einst ausgehoben worden waren und die Betongebäude der Festung bedeckten, mussten abgetragen und am äußeren Rand des Grabens aufgeschüttet werden. Durch diese Maßnahme wollte die Lagerleitung das mit Stacheldraht und Wachtürmen umgebene Lager weiter von der Außenwelt abschirmen.

    Zur Unterbringung der Gefangenen dienten vierzehn dunkle und feuchte, als „Stuben“ bezeichnete, Bunker der Festung. Sie waren jeweils mit zwei- bzw. dreistöckigen Betten, Tischen und Hockern ausgestattet. Die Häftlinge trugen nicht die in den deutschen Konzentrationslagern übliche gestreifte Kleidung, sondern alte Uniformen der belgischen Armee, auf denen ihre Gefangenennummern aufgenäht wurden. Die Lebensbedingungen im Lager Breendonk ähnelten denen in den deutschen Konzentrationslagern. Gewalt und Terror der Wachmannschaften waren an der Tagesordnung.

    Angesichts der herannahenden alliierten Truppen kam es am 31. August 1944 zur Räumung des Lagers. Die Häftlinge wurden in das Konzentrationslager Herzogenbusch abtransportiert, die Akten verbrannt und die Spuren der Hinrichtungen verwischt. In einem Gerichtsprozess in Mechelen im Jahr 1946 wurden insgesamt 16 Angehörige der Lagermannschaft zum Tode und vier zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Der Lagerkommandant Schmitt wurde vom Militärgerichtshof in Antwerpen zum Tode verurteilt und am 9. August 1950 hingerichtet.

  5. 5 Mina 04. Dezember 2009 um 12:46 Uhr

    Sven-Claude Bettinger
    »Das gefügige Belgien«
    Das Königreich im Zweiten Weltkrieg
    Im Februar veröffentlichten fünf Forscher des unabhängigen Brüsseler »Zentrums zur
    Erforschung und Dokumentation Krieg und Gesellschaft« (CEGES/SOMA) – wie das frühere
    »Zentrum zur historischen Erforschung des Zweiten Weltkriegs« inzwischen heißt –
    ihre fast 1.200 Seiten umfassende Untersuchung über die Mitwirkung aller staatlichen Stellen
    Belgiens an der Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs. Die Studie mit dem
    Titel »Das gefügige Belgien« stieß in Belgien und im Ausland auf lebhaftes Echo. Das lag
    zum Teil auch daran, dass es sich um ein offizielles Dokument handelt. Wie viele in den
    Zweiten Weltkrieg verwickelte Länder setzte auch Belgien 1997 eine Sachverständigenkommission
    ein, die beschlagnahmte oder nie zurückgeforderte Güter und Guthaben von Juden
    ausfindig machte, soweit wie möglich ihren rechtmäßigen Eigentümern zurückerstatten ließ,
    und mit dem übrig gebliebenen Geld andere jüdische Opfer entschädigte. Belgiens Senat
    verlangte daraufhin 2002 in einer Resolution eine umfassende, wissenschaftliche Untersuchung
    der Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs. Ein Jahr später stellte Premierminister
    Guy Verhofstadt die erforderlichen Mittel zur Verfügung: Geld, um die Forscher zu
    bezahlen, und die Anweisung an alle staatlichen und kommunalen Stellen des Landes, rückhaltlos
    ihre Archive zur Verfügung zu stellen. Noch vor der Veröffentlichung von »Das gefügige
    Belgien« entschuldigte sich Premierminister Verhofstadt für die Kollaboration, sowohl
    im »Museum der Deportation und des Widerstands der Juden« in Mechelen als auch
    in »Yad Vashem« in Jerusalem.
    Das Vorwort zu »Das gefügige Belgien« verspricht »neue Erkenntnisse« und nicht zuletzt
    eine »neue Sicht der Dinge«. Als Leitmotiv – oder, in den Worten der Autoren, »basso continuo
    « – zieht sich folgende These durch die gesamte Studie: »In der Scharnierperiode 1930-
    1950 stellte die Mehrheit der gesellschaftlichen Elite Belgiens die liberale Demokratie als
    Staatsform in Frage. In dieser Oberschicht gab es eine recht ausgeprägte Fremdenfeindlichkeit,
    zu der auch Antisemitismus zählte…« Diese Elite arbeitete an der Verwirklichung der
    »Neuen Ordnung« in einem korporatistischen Staat, in dem der König eine zentrale Machtstellung
    bekommen sollte.
    In Belgien gab es zwei jüdische Immigrationswellen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
    – und sehr stark nach der belgischen Unabhängigkeit 1830/31 – wanderten zahlreiche
    liberale Juden aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Österreich ein. Im sehr
    früh industrialisierten, aufstrebenden Belgien bauten sie insbesondere das Bankenwesen und
    die Holdinggesellschaften stark aus. Intellektuelle fühlten sich im Land mit der liberalsten
    Verfassung Europas, der 1834 von Freimaurern gegründeten »Freien Universität Brüssel«
    und den ebenfalls sehr offenen staatlichen Universitäten Gent und Lüttich wohl. Diese jüdischen
    Einwanderer integrierten sich perfekt in die belgische Gesellschaft. Viele zählten zum
    Establishment, viele wurden Freidenker.
    Die zweite Immigrationswelle setzte Ende des 19. Jahrhunderts ein und verstärkte sich
    nach dem Ersten Weltkrieg. Nun wanderten osteuropäische Juden ein, die meisten orthodox
    und arm. Mit Diamant-, Leder- und Textilbearbeitung und -handel hielten sie sich in den
    Großstädten Antwerpen, Brüssel, Charleroi und Lüttich eher schlecht als recht über Wasser.
    Die Weltwirtschaftskrise traf sie ebenso hart wie den einheimischen, belgischen Mittelstand,
    der sie als lästige Konkurrenten empfand. Mit der Machtübernahme Hitlers 1933 strömten
    weitere Flüchtlinge – nicht nur Juden, sondern auch Kommunisten, Sozialdemokraten und
    andere Regimegegner – ins Land. Der prominenteste war Albert Einstein. Die Regierung
    verbot ihnen die Berufstätigkeit, so dass die meisten auf die Unterstützung der sehr rührigen
    »Hilfscomités« angewiesen waren. 1937 beschloss Belgien, keine weiteren Flüchtlinge
    mehr aufzunehmen. Illegal kamen sie allerdings noch immer über die Grenze. Nach dem Anschluss
    Österreichs, der Annexion des Sudetenlandes und der Reichspogromnacht wurde
    das Einreiseverbot Ende 1938 wieder gelockert. Viele Flüchtlinge, die oft daran dachten,
    über die Häfen Antwerpen und Ostende weiterzureisen, kamen in Auffanglager.
    Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 wurden alle Fremden registriert. Insbesondere
    deutsche Staatsbürger, »les boches de 1914-18«, wurden als Feinde und potentielles Sicherheitsrisiko
    betrachtet. Als die »drôle de guerre« am 10. Mai 1940 mit dem deutschen Überfall
    auf Belgien, Frankreich und die Niederlande endete, wurden etwa 13.500 Fremde von
    der belgischen Polizei verhaftet, die Hälfte von ihnen nach Frankreich deportiert. Aus den
    Lagern am Fuß der Pyrenäen kamen nur wenige Flüchtlinge nach Belgien zurück. Bevor die
    Regierung nach Frankreich (und letztlich nach London) floh, ermächtigte sie die Generalsekretäre,
    die Spitzenbeamten der Ministerien, alle Aufgaben der Minister zu übernehmen.
    Die Generalsekretäre beratschlagten mit einem der prominentesten Industriellen und Bankiers
    des Königreichs, Alexandre Galopin, Gouverneur der »Société Générale«. Sie einigten
    sich auf eine Linie, die der Historiker José Gotovitch später als »Politik des geringeren
    Übels« umschrieb.
    Man war sich einig: Auf keinen Fall durfte sich die erste deutsche Besatzung von 1914 bis
    1918 wiederholen, mit einer deutschen Zivilverwaltung, die den Staat zerschlug, die Geldvorräte
    raubte, die Industrieanlagen demontierte und Arbeitskräfte deportierte. Diesmal
    sollten alle Entscheidungen in belgischer Hand bleiben, mit den produzierten Gütern Lebensmittel
    für die Bevölkerung gekauft werden. Die Richtlinien für die Beamten waren bereits
    1935 von der Regierung festgelegt worden. Sie sollten mit einem Besatzer zusammenarbeiten,
    außer wenn es sich »um Befehle handelte, die nicht mit der Treuepflicht gegenüber
    dem Vaterland vereinbar« waren. Dann mussten sie sich an ihre Vorgesetzten wenden.
    Nach der belgischen Kapitulation am 28. Mai 1940 akzeptierte die deutsche Militärverwaltung
    für Belgien und Nordfrankreich die »Galopin-Doktrin«. Auf diese Weise sparte sie
    Mühe und Kosten und konnte sich ganz auf die strategischen Ziele konzentrieren. Diese
    pragmatische Haltung kam am 28. Oktober 1940 zum ersten Mal auf den Prüfstand. Eine
    Verordnung der Militärverwaltung verlangte, dass alle Juden – die Verordnung definierte sie
    als »alle Personen, die mindestens drei jüdische Großmütter haben« – aus sämtlichen öffentlichen
    Ämtern entfernt werden mussten. Das stand in krassem Widerspruch zur belgischen
    Verfassung, die die Glaubens- und Religionsfreiheit sowie die Gleichheit aller Belgier garantiert.
    Die Generalsekretäre weigerten sich deshalb, diese Verordnung auszufertigen. Sie
    forderten beim »Gesetzgebungsrat«, dem die Obersten Richter und die Präsidenten der Anwaltskammern
    angehörten, ein Gutachten an. Der »Gesetzgebungsrat« urteilte, dass die belgischen
    Behörden nicht das Recht hätten, Maßnahmen gegen Juden zu treffen. Das sei »die
    Politik des Feindes« und berühre die öffentliche Ordnung Belgiens nicht. Allerdings seien
    138 Sven-Claude Bettinger
    die belgischen Behörden aufgrund der deutschen Besatzung auch genötigt, solche Maßnahmen
    der Militärverwaltung zu dulden.
    Die Studie »Das gefügige Belgien« macht den Juristen den Vorwurf, sich nicht auf Artikel
    46 der Haager Konvention berufen zu haben. Er lautet: »Der Besatzer verpflichtet sich,
    die Ehre und die Rechte der Familie, das Leben der Menschen, das Privateigentum, sowie
    die religiösen Überzeugungen und ihre praktische Ausübung zu respektieren.« Diese Haltung,
    so vermuten Historiker heute, ist von der Tatsache beeinflusst worden, dass nur fünf
    Prozent der 1940 in Belgien lebenden Juden die belgische Staatsangehörigkeit hatten. Bei
    der übergroßen Mehrheit handelte es sich um Flüchtlinge. Das erste Zugeständnis an die Besatzer
    löste eine »Dynamik in Richtung maximale Zusammenarbeit« aus.
    Die judenfeindlichen, deutschen Verordnungen häuften sich. Im November 1940 wurden
    die Kommunen aufgefordert, Judenregister anzulegen. Alle Geschäfte und Betriebe von
    Juden erhielten einen stigmatisierenden Aufkleber. Zum 31. Dezember 1940 wurde allen jüdischen
    Lehrkräften und Juristen Berufsverbot erteilt, bald darauf galt es auch für Ärzte und
    Pflegepersonal. Die Feldkommandantur Antwerpen befahl 8.609 im Landkreis Antwerpen
    registrierten Juden, sich in die Provinz Limburg zu begeben. Dort mussten die Provinz- und
    Kommunalverwaltungen Unterkunft, Arbeit und Verpflegung beschaffen. Im Sommer 1941
    befahl die Militärverwaltung die Rückführung dieser Zwangsaussiedler nach Antwerpen,
    Brüssel, Charleroi und Lüttich. Dann verlangte sie auch den roten Stempel »Jood – Juif« in
    den Personalausweisen. Jüdische Unternehmen bekamen deutsche »Treuhänder«, ihr Vermögen
    wurde »verwahrt«, immer mehr wurden mit fadenscheinigen Vorwänden »übernommen
    « oder geschlossen. Schließlich ordnete die Militärverwaltung am 8. Mai 1942 für alle
    Juden – die sie bis dahin systematisch der Arbeit beraubt hatte – Zwangsarbeit in belgischen
    Rüstungsbetrieben und vor allem am Atlantikwall in Nordfrankreich an. Dagegen protestierten
    die Generalsekretäre förmlich, und die Bürgermeister von Brüssel und Lüttich wiesen
    die ihnen unterstehende Kommunalpolizei an, die deutschen Gestellungsbefehle nicht abzuliefern.
    Den Widerstand, so die Studie, löste nicht diese anti-jüdische Maßnahme aus, sondern
    die kurz davor von den Deutschen beschlossene »Arbeitspflicht« für alle Belgier.
    Allerdings hatte die Militärverwaltung, unter politischem Druck Berlins, inzwischen dem
    Aufbau einer belgischen Parallelverwaltung zugestimmt, in der ausschließlich belgische
    Kollaborateure tätig waren. Das neue »Nationale Arbeitsamt« mit örtlichen Dienststellen
    und darin besonderen »Judenstellen« organisierte die Zwangsarbeit. Antwerpen, Gent und
    Charleroi waren mit Vororten zu großen Stadtverbänden zusammengeschlossen worden, an
    deren Spitze Kollaborateure standen. Die Deutschen hatten auch die Kreis- und Provinzverwaltungen
    gründlich »gesäubert«, und sogar die Ernennung einiger ihnen wohl gesonnener
    Generalsekretäre durchgedrückt.
    Am 5. Juni 1942 befahl die deutsche Militärverwaltung, alle Juden müssten den gelben
    »Judenstern« tragen. Es war Sache der Kommunalverwaltungen, die Sterne zu beschaffen
    und zu verteilen. Die meisten fügten sich. Aber die Bürgermeister von Brüssel und Lüttich
    weigerten sich, »an einer Maßnahme mitzuwirken, die einen Anschlag auf die Menschenwürde
    bedeutet.« Nur durch den listigen Vorwand der Besatzer, es handele sich um eine
    Routinekontrolle, nahmen Brüsseler und Lütticher Polizisten im Sommer 1942 an der ersten
    großen Razzia in ihren Städten teil. Danach verboten die Bürgermeister weitere Einsätze.
    Wenige Monate später wurden sie ihrer Ämter enthoben, als die Deutschen »Groß-Brüssel«
    und »Groß-Lüttich« mit genehmen Kollaborateuren schufen.
    Ganz anders sah die Lage in Antwerpen aus. Dort führten Kommunalverwaltung und
    Kommunalpolizei die deutschen Befehle ohne Wimpernzucken aus. Im Mai 1940 floh der
    »Das gefügige Belgien« 139
    sozialistische Bürgermeister und Kammerabgeordnete Camille Huysmans nach London.
    Sein Nachfolger, der katholische Politiker Leo Delwaide, war ein Anhänger der »Neuen Ordnung
    «. Er ließ die deutschen Befehle ausführen. So half die Kommunalpolizei am 15. August
    und 11. September 1942 bei zwei großen Razzien mit. Am 28. und 29. September führte
    die Antwerpener Kommunalpolizei eigenmächtig eine große Razzia durch, bei der 1.243
    Juden verhaftet und anschließend der SIPO-SD überstellt wurden. Die Opfer wurden in die
    »Dossin-Kaserne« in Mechelen gebracht und von dort nach Auschwitz transportiert. Weder
    der Bürgermeister noch die Staatsanwaltschaft reagierten.
    Am 30. September 1942 entschied die Militärverwaltung, dass die belgischen Behörden
    und Polizei nicht mehr an der Judenverfolgung mitwirken mussten. Das war fortan eine Angelegenheit
    von Gestapo und SIPO-SD und der belgischen Kollaborateure, die ihnen zuarbeiteten.
    Wenige Tage später brachen die inzwischen durch parallele Strukturen weitgehend
    entmachteten Generalsekretäre mit der Militärverwaltung, als sie den »Arbeitseinsatz« für
    belgische Staatsbürger in Deutschland anordnete. Damit missachtete sie eines der wichtigsten
    Elemente der »Galopin-Doktrin«, die sich endgültig als Fehlkalkulation erwies. Noch
    einmal protestierten sie energisch und förmlich im Oktober 1943, als die Deutschen, entgegen
    allen Zusicherungen, mit der Deportation der belgischen Juden begannen. In dem Zusammenhang
    kreidet »Das gefügige Belgien« der belgischen Staatseisenbahn SNCB an,
    sich nie zu den 28 Transporten von Mechelen nach Auschwitz geäußert zu haben. Sie fanden
    zum Teil mit belgischem Material und auf belgischem Gebiet, teilweise auch mit belgischem
    Personal statt. Allerdings unterstand die SNCB seit Kriegsbeginn nicht mehr dem
    Generalsekretär des belgischen Verkehrsministeriums, sondern der »Wehrmachtsverkehrsdirektion
    «. Alle Transporte nach Auschwitz wurden überdies von der SS begleitet. Die Vorwürfe
    wirken besonders merkwürdig, da es kein Archivmaterial gibt – und zahlreiche Eisenbahner
    im bewaffneten Widerstand aktiv waren.
    Die Studie lobt einen Berufsstand, der nicht zur Staatsgewalt gehört: Die Notare. Trotz
    Druck und Drohungen der Militärverwaltung lehnten sie, unter Berufung auf die Haager
    Konvention, die belgische Verfassung und den »Code civil« – Verträge zu Ungunsten »abwesender
    « jüdischer Eigentümer – kategorisch ab. Ihre strikt legalistische Haltung wurde
    von den Obersten Richtern Belgiens und von den Generalsekretären geteilt.
    Weniger gut kommen die Militärgerichte weg, die sofort nach der Befreiung Belgiens und
    der Rückkehr der Exilregierung im September 1944 eingesetzt wurden, um die Kollaborateure
    zu bestrafen. Ihnen wird vorgeworfen, führende Vertreter der Wirtschaft, der Justiz und
    der Verwaltung, die die »Politik des geringeren Übels« verfochten hatten, nicht behelligt zu
    haben, um keine »Pandora-Büchse« zu öffnen, die dem Wiederaufbau des Landes geschadet
    hätte. Auch wurde die Judenverfolgung nicht gesondert strafrechtlich geahndet, weil – so
    mutmaßen die Historiker – die weitaus meisten Opfer keine belgischen Staatsbürger waren.
    Das verhinderte auch die Anerkennung der – wenigen – überlebenden jüdischen Deportierten
    als politische Gefangene, und damit eine Entschädigung als Kriegsopfer. Andererseits
    wurde die politische Kollaboration, insbesondere in den Parallelverwaltungen, durchaus hart
    bestraft. »Hilfe bei der Ausführung von Vorhaben des Feindes« oder »Verrat am belgischen
    Staat und seinen Gesetzen« – worunter zahlreiche Maßnahmen gegen Juden fielen – galten
    als schwere Verbrechen.
    Global betrachtet urteilten die 21 Militärgerichte übrigens hart. Sie legten 560.000 Akten an,
    was in 57.000 Fällen tatsächlich zu einem Verfahren und in den meisten zu einer Verurteilung
    führte. 43.000 Kollaborateuren wurden die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt. Die Kriegsgerichte
    verhängten 2.940 Todesurteile, von denen 242 auch tatsächlich vollstreckt wurden.
    140 Sven-Claude Bettinger
    Dennoch endet die Studie mit der Feststellung, die bereits im Vorwort steht: »Die fremdenfeindliche,
    manchmal antisemitische Kultur der belgischen Elite und ganz allgemein das
    demokratische Defizit in den 1930er und 1940er Jahren gaben den Durchschlag bei der Mitwirkung
    an der antijüdischen Rassenpolitik.«
    Diese These und ihre dekonstruktivistische Ausarbeitung, bei der viele Details stark vergrößert
    werden, ist höchst anfechtbar. Die belgische Demokratie funktionierte zwischen
    1918 und 1940 sehr wohl. Zwar schnitten bei den sieben Parlamentswahlen die flämischen
    Rechtsextremisten des VNV immer besser ab – von 2,6 Prozent der Stimmen und fünf Abgeordneten
    1919 kamen sie auf letztlich 8,3 Prozent und 17 Abgeordnete bei den letzten
    Wahlen im Frühjahr 1939. Die wallonischen Rechtsextremisten von »Rex« bekamen 1936
    11,5 Prozent der Wählerstimmen und 21 Abgeordnetenmandate, fielen 1939 jedoch schon
    wieder auf 4,5 Prozent und vier Abgeordnete zurück. Die Katholische Partei bildete mit Sozialisten
    oder/und Liberalen Koalitionsregierungen, die zugegeben viel stritten und regelmäßig
    stürzten. Katholische und Sozialistische Partei waren ungefähr gleich stark, Sozialisten
    und Liberale zusammen wesentlich gewichtiger als die Katholische Partei. Ihre Einstellung
    umschrieb José Gotovitch, einer der besten belgischen Historiker, folgendermaßen: »Bei
    den Sozialisten gab es zahlreiche Juden. Antirassismus und Antifaschismus gehörten zum
    Fundament der sozialistischen Kultur. Ebenso tief verwurzelt ist der Antirassismus bei den
    Liberalen. Juden sind bei ihnen stark vertreten, bis in die Parteispitze.« Die Katholische Partei,
    merkte Gotovitch an, hatte keine jüdischen Mitglieder und neigte eher zu antisemitischen
    Klischees. Das hinderte weite Teile nicht daran, die Judenverfolgungen in und durch
    Hitler-Deutschland zu verurteilen. Der 1913 geborene Romanist Paul Delsemme, der 1932
    in die gemischte Freimaurerloge »Le Droit humain« und später in den »Grand Orient de Belgique
    « aufgenommen wurde, hat in seinen Publikationen darauf hingewiesen, wie entsetzt
    die belgischen Freimaurer reagierten, als Mussolini, Hitler und Franco an die Macht kamen.
    Die Logen unterstützten aktiv die belgischen »Hilfscomités« für Flüchtlinge. Die Freie Universität
    Brüssel und die staatliche Universität Lüttich stellten zahlreiche Exilanten ein,
    gaben Flüchtlingskindern Stipendien, erst osteuropäischen Juden, nach 1933 auch deutschen.
    1937 veröffentlichte die wichtigste Studentenverbindung der Freien Universität Brüssel,
    der »Cercle du Libre-Examen«, ein eindeutig antifaschistisches Manifest: »Wir sind bereit,
    uns über alle ideologischen Schranken hinweg gegen all jene zu verbünden, die den Gedanken
    der Humanität zum Schweigen bringen und den Fortschritt behindern wollen. Wir hegen
    alle dieselbe Hoffnung: Ein umfassendes, reiches Leben in Frieden und Brüderlichkeit.« Im
    November 1941 beschloss die Freie Universität Brüssel, die sich weigerte, vom deutschen
    Regierungskommissar ausgewählte, deutschfreundliche Professoren zu ernennen, den Lehrbetrieb
    einzustellen. Er ging zum Teil im Untergrund weiter, in Räumlichkeiten der Stadt
    Brüssel. Andere Studenten wurden von der Universität Lüttich und der Katholischen Universität
    Löwen aufgenommen, die mit Brüssel solidarisch waren. Ein harter Kern Professoren
    und Studenten der Freien Universität, darunter zahlreiche Juden, begann mit der Organisation
    des bewaffneten Widerstands, zu dessen emblematischen Einheiten die »Groupe G«
    zählte.
    Die belgische Exilregierung in London – ganz gewiss ein Exponent der belgischen Elite,
    mit intellektuellen Schwergewichten wie Camille Gutt, Paul-Emile Janson oder Paul-Henri
    Spaak – verurteilte die Judenverfolgung im besetzten Heimatland, sobald sie Informationen
    über die Maßnahmen bekam. Bereits im Dezember 1940 hielt sie fest, dass die deutschen
    Verordnungen »gegen das Verfassungsprinzip der Gleichheit aller Belgier vor dem Gesetz
    »Das gefügige Belgien« 141
    verstoßen.« Einen Monat später dekretierte die Exilregierung: »Alle Enteignungen durch
    den Feind, alle Beschlagnahmungen, Zwangsverkäufe und sonstigen Maßnahmen, die dem
    Privatleben Schaden zufügen, sind null und nichtig. Wer an der Ausführung dieser unrechtmäßigen
    Maßnahmen des Feindes mitwirkt, wird mit einer Geldbuße von 5.000 bis 200.000
    Francs und/oder Freiheitsentzug von einem bis fünf Jahre bestraft.« Im April 1942 verdeutlichte
    Premierminister Hubert Pierlot, ein katholischer Politiker und praktizierender Katholik,
    im »Jewish Bulletin« den Standpunkt der Exilregierung: »Die belgische Verfassung garantiert
    die Meinungs-, Religions- und Glaubensfreiheit. Darüber hinaus haben die Gesetze
    und die Gepflogenheiten unseres Landes nie Bürger aufgrund ihrer Rasse diskriminiert. In
    Belgien sind alle vor dem Gesetz gleich. Das galt auch, bis zur deutschen Invasion, für die
    in Belgien lebenden Juden. Denn diese Prinzipien sind ewig. Dieser Krieg dient dazu, diesen
    Prinzipien und Gesetzen wieder ihre rechtmäßige Geltung zu verschaffen. Der Sieg der
    Alliierten wird auch das Ende des Unrechts bedeuten, das den Juden derzeit zugefügt wird.«
    Im Dezember 1942 rief Pierlot in einer Ansprache auf »Radio Belgique« seine Landsleute
    auf, »jüdische Mitbürger zu verstecken.« Die Exilregierung, die dank des Zugriffs auf einen
    Teil der Goldreserven der Nationalbank und der Uran- und Metallverkäufe aus Belgisch-
    Kongo über beträchtliche Finanzmittel verfügte, schleuste über Verbindungsmänner des belgischen
    Staatssicherheitsdienstes insgesamt 14 Millionen Franken in die besetzte Heimat.
    Damit finanzierte das »Comité de défense des Juifs« einen Teil der Unterbringung tausender
    jüdischer Kinder in Internaten und bei Privatleuten.
    Der konservative Historiker Jacques de Launay notierte in dem Zusammenhang: »Ungefähr
    30.000 Juden erfuhren, was Gastfreundschaft und Edelmut bedeuten, als belgische Familien
    sie versteckten. Unterstützt wurden diese echten Widerstandskämpfer vom klandestinen
    ‚Comité de défense des Juifs’, in dem Juden, Katholiken, Protestanten und Freidenker
    zusammenarbeiteten. Sie machten zwischen 1942 und 1944 bei den Banken 48 Millionen
    Francs locker. Und eine stattliche Anzahl junger Juden ging in den Untergrund und nahm am
    bewaffneten Widerstand teil.« In diesem Zusammenhang hat José Gotovitch darauf hingewiesen,
    dass die ersten Partisanen aus den bürgerlichen Akademikerkreisen in Brüssel
    stammten. Ingenieure, Physiker und Ärzte bastelten die ersten Bomben, die deutsche Einrichtungen
    beschädigten.
    Zur Elite zählte schließlich auch Königin Elisabeth, die Witwe des 1934 tödlich verunglückten
    Königs Albert I. und Mutter von König Leopold III. So sehr ihr Sohn auch mit der
    »Neuen Ordnung« liebäugelte, von der er sich reale Macht versprach, das humanitäre Engagement
    Königin Elisabeths ist über jeden Zweifel erhaben. Unter anderem überzeugte das
    Königspaar seine persönlichen Freunde Albert und Elsa Einstein 1933, auf der Rückreise
    aus den USA nicht nach Hamburg zu fahren, sondern in Antwerpen von Bord zu gehen und
    im belgischen Exil zu bleiben. Als im Frühjahr 1939 die »St.-Louis«, die 937 jüdische
    Flüchtlinge von Hamburg nach Kuba bringen sollte, aufgrund der strikten Weigerung von
    Kuba, der USA und anderer amerikanischer Länder zum Geisterschiff wurde, drang Königin
    Elisabeth bei der belgischen Regierung auf eine Geste. Die Bereitschaft, 200 Flüchtlinge
    aufzunehmen, und der anschließende Einsatz der belgischen Diplomatie brachten
    schließlich auch England, Frankreich und die Niederlande dazu, von ihrer restriktiven Einwanderungspolitik
    abzuweichen.
    Ein beträchtlicher Teil der gesellschaftlichen Elite Belgiens kann also keineswegs als
    fremdenfeindlich oder gar antisemitisch eingestuft werden. Auf einer ganz anderen, persönlichen
    und emotional gefärbten Ebene, lässt sich das auch an den Lebenserinnerungen »Une
    mère russe« von Alain Bosquet ablesen. Von 1928 bis 1940 verbrachte der Sohn russisch-jü-
    142 Sven-Claude Bettinger
    discher Emigranten in Brüssel eine glückliche Jugend. An nichts anderes erinnern sich die
    Emigrantenkinder, deren Lebensberichte Marion Schreiber in ihrer Dokumentation »Stille
    Rebellen. Der Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz« aufgezeichnet hat.
    »Es gab keinen ausgeprägten Antisemitismus« resümierte die Autorin. Nichts anderes bemerkte
    Heinz Kühn, langjähriger Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, der seit
    Herbst 1936 in Brüssel die Exil-Wochenzeitung »Freies Deutschland« herausgab, in seinen
    Memoiren, »Widerstand und Emigration«. Dank der Solidarität der Bevölkerung umschrieb
    Kühn Belgien sogar als »Okkupations-Paradies«. Der deutsch-jüdische Journalist Kurt Grünebaum,
    der mit seiner Frau Alice bereits Anfang 1933 in Brüssel eintraf und dort bald für
    die sozialistische Tageszeitung »Le Peuple« arbeitete, umschrieb das Verhalten der belgischen
    Behörden insgesamt als »nicht immer freundlich und sehr bürokratisch.« Er betonte
    allerdings auch, dass der Bürgermeister des Brüsseler Stadtbezirks ihm und seiner Frau bei
    der Hochzeit alles Gute wünschte und Unterstützung zusicherte. In einem Augenblick der
    Not half das Sozialamt tatsächlich.
    Umgekehrt gibt es ein heikles Detail, um das manche Autoren aus Gründen politischer
    Korrektheit einen weiten Bogen machen. Ein Teil der jüdischen Elite Belgiens sah die
    Flüchtlinge nicht gerne. Bitter hielt Jean Améry, der Anfang 1939 in Antwerpen eintraf, in
    seinem Buch »Örtlichkeiten« fest: »Er weiß nun schon manches über die Antwerpener Verhältnisse,
    hat vernommen, dass es sehr viele sehr reiche Diamantenhändler gibt, die in vornehmen
    neuen Buildings am Stadtrand wohnen. Sie sind selber der ‚Joodsen wijk’ entronnen,
    denn es scheint, dass der soziale Aufstieg einhergeht mit einer zumindest
    oberflächlichen Ablösung der Menschen von ihrem fatalen Herkunftsgeschick. (…) Aber sie
    wollen begreiflicherweise von den wenig schluckenden Schluckern gleichen ethnischen Ursprungs,
    gleicher Physiognomie, aber ganz ungleichen nationalen Hintergrundes so wenig
    wie möglich wissen. Wer ihnen trotzdem einmal vors Gesicht kommt, der kriegt allenfalls
    zu hören: So, da seid ihr in Sicherheit, Gott sei gelobt. Aber warum habt ihr eigentlich gegen
    diesen Hitler keine Revolution gemacht?«
    Zu keinem anderen Ergebnis kommt die Historikerin Véronique Laureys, die die Haltung
    der belgischen Exilregierung in London genauestens untersucht hat: »Die assimilierten, belgischen
    Juden, die in London in der Armee, dem Staatssicherheitsdienst und der Exilregierung
    zahlreich vertreten waren, beeinflussten die Stellungnahmen der Exilregierung gegen
    die Judenverfolgung in Belgien nicht. Sie hätten das aufgrund ihrer Abstammung und ihrer
    Kenntnis der Tatsachen durchaus tun können. Aber alle Berichte belegen ganz eindeutig: Sie
    wollten mit diesen Fremden, die weder Belgier noch assimiliert waren, etwas zu tun haben.
    Sie machten sie für den Antisemitismus und für die sich daraus ergebende Bedrohung des
    sozialen Status der gesellschaftlich etablierten Juden verantwortlich.«
    Als »Kainsmal« hat der Historiker Maxime Steinberg, die Autorität auf dem Gebiet der
    Judenverfolgung in Belgien, die Tätigkeit der sinisteren im November 1941 gegründeten
    »Association des Juis en Belgique (AJB)« umschrieben, gemeinhin »Judenrat« genannt.
    Ihm gehörten die wenigen noch in Belgien verbliebenen Notabeln an, darunter der Oberrabbiner.
    Sie betrachteten sich als Vertreter der jüdischen Interessen und erkannten nicht, dass
    sie von der Militärverwaltung missbraucht wurden. Manchmal murrend oder widerstrebend,
    aber letztlich immer gehorchend, erstellten sie Listen von Juden, die »in den Osten emigrierten,
    weil sie dort Arbeit fanden«, schickten Lebensmittelpäckchen als Reiseproviant in die
    »Dossin-Kaserne« in Mechelen, das Auffanglager für die Transporte nach Auschwitz, verteilten
    dort, wo die Kommunalverwaltungen sich weigerten, den »Judenstern«. Trotz aller
    Warnungen des »Comité de défense des Juifs« und anderer jüdischer Untergrundorganisa-
    »Das gefügige Belgien« 143
    tionen arbeitete der »Judenrat« unverdrossen mit den Deutschen zusammen. Wenige Tage
    vor der Befreiung Belgiens im September 1944 notierte der Schatzmeister in seinem Tagebuch:
    »Ich wohne noch immer in meinem Appartement, das im Winter gut geheizt ist. Wir
    essen tüchtig, Fleisch, Butter, Eier, sehr oft Torten, fast ausschließlich Weißbrot.«
    Kein einziger Angehöriger des »Judenrates« wurde nach 1944 von den belgischen Militärgerichten
    strafrechtlich verfolgt. Auch da wollte niemand wissentlich und willentlich eine
    »Pandora-Büchse« öffnen.
    Summa summarum gab es in Belgien nach dem Zweiten Weltkrieg – im Unterschied zu
    Frankreich – keine nennenswerten Tabus im Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Prominente
    Historiker haben sich, nicht zuletzt im spezialisierten »Zentrum zur historischen Erforschung
    des Zweiten Weltkriegs«, damit ausführlich befasst. In den 1980er Jahren popularisierte
    der Journalist Maurice De Wilde die Erkenntnisse mit monumentalen
    Fernseh-Serien über die »Neue Ordnung«, Kollaboration, Widerstand und Repression nach
    1944. Die Serien für das flämische Fernsehen BRT wurden bald vom frankophonen Sender
    RTB übernommen. Bereits in den 1950er Jahren entstand im Brüsseler Stadtbezirk Anderlecht,
    in dem viele osteuropäische Juden gewohnt hatten und wohnen, ein großes, schlichtes
    Denkmal für die »Martyrs juifs«. 1980 wurde die »Fondation Auschwitz« ins Leben gerufen
    und vom Staat als bildungspolitisches Organ finanziert. Seit 1995 schließlich vermittelt
    das »Museum der Deportation und des Widerstands der Juden« ein ausgewogenes, anschauliches
    Bild der belgischen und belgo-jüdischen Geschichte. Das Museum, das wie die
    Auschwitz-Stiftung hervorragende pädagogische Arbeit leistet – noch mit dem unermüdlichen
    Einsatz der Überlebenden –, ist in einem Flügel der ehemaligen »Dossin-Kaserne« untergebracht,
    dem Sammellager der Deutschen für die Transporte nach Auschwitz. Seit 1956
    organisiert die »Union des déportés juifs de Belgique – Fils et filles de la déportation» alljährlich
    an dem Mahnmal, in Anwesenheit der höchsten Regierungsvertreter, eine Gedenkfeier
    für die 25.267 zwischen 1942 und 1944 Deportierten, von denen nur 1.221 das Inferno
    überlebten. Am 8. Mai 2007 bekamen auch die Juden, die die deutsche Besatzung und
    Verfolgung dank des beherzten Einsatzes belgischer Bürger überlebten, gegenüber der Königlichen
    Bibliothek Brüssel ein Denkmal – das ihnen der französische Schriftsteller Eric-
    Emmanuel Schmitt bereits 2004 mit seinem Roman »Das Kind von Noah« gesetzt hatte.
    Ausgewählte Literatur:
    • Jean Améry, »Örtlichkeiten«, Klett-Cotta, Stuttgart 1980
    • Alain Bosquet »Une mère russe«, Grasset, Paris 1978
    • José Gotovitch (Hrsg.), »Les Juifs de Belgique. De l’immigration au génocide 1925-1945«, CREHSGM, Brüssel 1994
    • Heinz Kühn »Widerstand und Emigration. Die Jahre 1928-1945«, Hoffmann und Campe, Hamburg 1980
    • Jacques de Launay, »La vie quotidienne des Belges sous l’occupation 1940-1944«, Paul Legrain, Brüssel 1982
    • Eric-Emmanuel Schmitt »Das Kind von Noah«, Ammann Verlag, Zürich 2004
    • Marion Schreiber, »Stille Rebellen. Der Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz«, Aufbau-Verlag, Berlin 2000
    • Rudi van Doorslaer (Hrsg.), »Gewillig Belgie«, Meulenhoff-Manteau, Amsterdam-Antwerpen, 2007
    144

  6. 6 Mina 05. Dezember 2009 um 16:54 Uhr

    Soldatenarbeit
    Bewaffneter Kampf in Belgien

    von Jakob Zanger 07/05

    trend
    onlinezeitung

    Richtlinie für die Tätigkeit der Kommunisten in Belgien war der Aufruf des ZK der Kommunistischen Partei Österreichs zur Annexion, beschlossen in der Nacht vom 11. zum 12. März 1938 in dem es hieß: „Volk von Österreich! An alle Völker Europas und der Welt! Hitler hat mit militärischer Gewalt Österreich unter sein Joch gebracht. Hitler ist dabei, den Freiheitswillen des österreichischen Volkes durch die Stiefel seiner Soldateska niederzutreten, er ist daran, in Österreich seine Fremdherrschaft aufzurichten. Volk von Österreich! Wehre Dich, leiste Widerstand dem fremden Eindringern und ihren Agenten. Schließt Euch zusammen, Katholiken und Sozialisten, Arbeiter und Bauern! Schließt Euch zusammen, nun erst recht, zur Front aller Österreicher, aller Unterschiede der Weltanschauung, aller Parteiunterschiede treten zurück vor der heiligen Aufgabe, die heute dem österreichischen Volk gestellt ist! Zusammenstehen gegen Hitler, zusammenstehen, um Hitlers Soldateska aus Österreich wieder hinauszujagen.”

    Kapitulation – Deportation

    Am 10. Mai 1940 fiel Hitlerdeutschland in Belgien, Holland, Luxemburg und Frankreich ein. Am 27. Mai kapitulierte der belgische König, am 21. Juni 1940 Frankreich. Bereits vorher hatten die Engländer Frankreich fluchtartig verlassen und ihr Expeditionskorps von über 300 000 Mann über den Hafen Dünkirchen evakuiert, das heißt in knapp 40 Tagen war die alliierte englisch-französische Armee zerschlagen. Dies sei jenen in Erinnerung gerufen, die auch heute noch den raschen Vormarsch der Hitlerarmee der sowjetischen Staats- und Armeeführung, allen voran Stalin, in den ersten Monaten nach Beginn des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion zum Vorwurf machen. Die Sowjetarmee wurde nicht innerhalb von 40 Tagen zerschlagen, sondern hatte die Kraft, die faschistischen Eindringlinge im Spätherbst zu stoppen und in der Folge hunderte Kilometer zurückzutreiben. Für die kommunistische Emigration in Belgien waren die Maßnahmen der belgischen Behörden im Zusammenhang mit der deutschen Invasion von verheerender Wirkung. In der Nacht des 10. Mai 1940 wurden sämtliche deutschen und österreichischen Emigranten, Antifaschisten und Interbrigadisten ohne Rücksicht darauf, ob sie Juden oder „Arier” waren, ohne jede legale Grundlage verhaftet, meist unter Beschuldigung, deutsche Fallschirmspringer und Spione zu sein, und unter unmenschlichen Bedingungen in Viehwaggons als angebliche 5. Kolonne nach Frankreich deportiert und dort in Lagern interniert. Viele Tausende von ihnen wurden in der Folge auf Grund der zwischen Hitler und Pétain abgeschlossenen Vereinbarung an Deutschland ausgeliefert und in KZ´s deportiert. Von diesen Maßnahmen der belgischen Regierung war die gesamte Parteileitung der KPÖ in Belgien betroffen.

    Für ein freies Österreich

    Die österreichischen Kommunisten in Belgien hatten vor den Überfall der deutschen Armee unter anderem „für das Land” gearbeitet und nun vertrat man die Auffassung „das Land” sei eben in Form von Österreichern in deutscher Uniform nach Belgien gekommen – da müßte eine ähnliche Tätigkeit fortgesetzt werden. Also: Für ein freies Österreich, gegen den Faschismus, für den Frieden, gegen die Besetzung fremder Länder lauteten die Parolen, die sehr bald auf einfache herzustellende „Pickerl” gedruckt und weit verbreitet werden konnten. Selbstverständlich setzten wir unsere Agitationstätigkeit unter den anderen in Belgien, insbesondere jüdischen Emigranten fort, um für unsere Sache zu werben. So ließen sich über Auftrag der Partei einige in die von der israelitischen Kultusgemeinde initiierte landwirtschaftliche Schule bei La Rauné einschreiben, um dort unter der jüdischen Jugend politische Tätigkeit zu entfalten und sie für die Widerstandstätigkeit zu gewinnen. Was uns auch tatsächlich bei einer Reihe Jugendlicher, unter anderem auch bei zwei deutsche Genossen, gelang. Bald entwickelte sich die Soldatenarbeit, bei der die Genossinnen eine wichtige Rolle spielten. Die Mädchen bemühten sich, mit Soldaten in Kontakt zu treten, mit ihnen über die Sinnlosigkeit und Verbrechen des Krieges zu sprechen und, sofern sie Österreicher waren, über die Eigenstaatlichkeit Österreichs. Diese Arbeit erforderte ein hohes Maß an Takt und Einfühlungsvermögen, große Geschicklichkeit und noch größere Vorsicht. Zwei bis drei Mädchen gingen zusammen in Lokale, in denen Soldaten verkehrten, und versuchten mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Die Soldaten sollten möglichst schnell bemerken, daß nicht die Absicht bestand, ein Verhältnis einzugehen, daß aber auch nicht nur um der politischen Diskussion willen das Gespräch gesucht wurde. Wenn man auf Verständnis gestoßen war, konnte man beim zweiten oder dritten Rendezvous schriftliches Material mitbringen und sich langsam bis zur Aufforderung vorarbeiten, diese Flugblätter und Zeitungen in den Kasernen aufzulegen. Im Laufe der vierjährigen Tätigkeit ist es dann des öfteren gelungen, Soldaten für die ständige Abnahme der Schriften zu gewinnen; andere wiederum nahmen die Publikationen mit in die Heimat. Einige Soldaten haben sich sogar nach Kriegsende gemeldet und sich auf ihre antifaschistische Tätigkeit in Belgien berufen. So etwa der von der Genossin Gundl Herrnstadt geworbene Tankred Kleiner, der dann von 1942 bis 1944 aktiv mit unserer Parteigruppe zusammenarbeitete, im Juli 1944 verhaftet, an die russische Front verschickt wurde und am 17.12.1944 zur Sowjetarmee überlief.
    Widerstandsarbeit

    Ohne Zweifel leisteten die Genossinnen der Mädelgruppe, in ihrer exponierten Tätigkeit die gefährlichste Arbeit innerhalb der Parteigruppe. Sie setzten sich täglich der Gefahr aus, der Gestapo ausgeliefert zu werden. Herta Ligeti, Luci Fürst, Gundl Herrnstadt, Herta Wiesinger (Stuberg), Marianne Brandt, Ester Tenzer u.a. durchlitten Auschwitz und andere Nazi-KZ, Marianne Brandt wurde ermordet. Aufgabe der Streugruppen war es, die von unserer Parteigruppe hergestellte Zeitschrift „Wahrheit” und ab März 1944 die österreichischen Zeitschrift „Freies Österreich” zu kolportieren. „Die Wahrheit” wurde anfangs von Bruno Weidengast, Irma Hirsch und Mara Ginsburg redigiert. Hergestellt wurde sie zunächst in der Wohnung von Mutz Hoffmann, vorübergehend in einer stillgelegten Bäckerei, später in der Wohnung von Marianne Brandt und schließlich in der Wohnung von Herbert Lindner. Die Papierbeschaffung oblag den Genossen Otto Spitz und Alfred Wiesinger, dem „Künstler” unserer Gruppe, der die Titel und Parolen auf die Matrizen zeichnete.
    Wir besaßen ein Verzeichnis wo das deutsche Militär untergebracht war, der Kasernen, der von ihnen okkupierten Häuser und Privatwohnungen und der von ihnen besuchten Kinos und Gaststätten. Jeder der beteiligen Genossen erhielten entweder einzeln oder in einer Dreiergruppe verschiedene Kasernen, Lokale oder Wohnungen zugeteilt, um die betreffenden Örtlichkeiten mit unserem Material zu belegen. Unser Hauptaugenmerk galt den deutschen Kasernen, vor und in denen wir regelmäßig mit unser Material streuten. Vor allem in den Kasernen in Brüssel und den angrenzenden Bezirken. Auch die großen Bahnhöfe in Brüssel wurden insbesondere bei Ankunft von Militärtransporten mit Material bestreut. Es ist heute kaum vorstellbar, daß wir wöchentlich 12 000 Stück unserer Zeitung (davon allein 9000 in der belgischen Provinz) verteilten. Die deutschen Behörden waren der Auffassung, daß diese Aktionen von einer großen Organisation der belgischen Widerstandsbewegung ausging und erkannten erst nach den ersten Verhaftungen, daß es sich um Österreicher, und zum Teil um deutsche Emigranten, die in unsere Gruppen integriert waren, handelte. Wegen der Regelmäßigkeit der von uns durchgeführten Streuaktionen hatte die Wehrmacht vor ihren Kasernen Maschinengewehre aufgestellt, und Genossen unserer Gruppe wurden wiederholt mit Maschinengewehrfeuer empfangen. So wurden Unger, Lindner und Ultmann einmal vor der Kaserne Dailly mit Maschinengewehrfeuer empfangen. Ein anderes Mal wurden Fürst und Kandel, nachdem sie wie üblich ihr Material in einen Kasernenhof in der Nähe des Südbahnhofes geworfen hatten, beschossen. Fürst konnte unbehelligt entfliehen, Kandel bekam aber einen Streifschuß am Kopf. Stark blutend gelangte es ihm, sich mit Hilfe einer Belgierin ins Hospital St. Pierre zu retten, wo er, als die SS alle Krankenhäuser durchsuchte, von dem Chef Prof. Snoeck, einem Gynäkologen, in der Frauenklinik untergebracht wurde. Außer den Streuaktionen führte wir auch in der Nähe deutscher Unterkünfte Schmieraktionen durch. So malten wir zum Beispiel vis á vis eines von der Wehrmacht bewohnten Objektes die Parole „Genug marschiert, genug krepiert, endlich einmal nach Haus marschiert”. Ende 1943, Anfang 1944 wurde unter der Leitung von Otto Spitz die österreichische Partisanengruppe gegründet, die der „Armee belge des Partisans” eingegliedert war.

    Partisanengruppe

    Dieser Gruppe gehörten neben Otto Spitz die Genossen Bob Zanger, Herbert Lindner, Herbert Kandel, Paul Herrnstadt, Harry Zimmermann, Ludwig Günser, Walter Pollack, Hermann Umschweif, N. Karasek, Erich Unger, Fredl Wiesinger u.a. an. Kurier dieser Partisanengruppe war die Genossin Cilly Spitz.

    Unsere Waffen mußten wir uns durch Überfälle auf deutsche Soldaten beschaffen, desgleichen die für unsere Aktionen notwendigen Fahrräder. Die für uns erforderlichen Brandsätze und Bomben wurden von unserem Supertalent Erich Unger hergestellt. So gelang es uns, Wehrmachtsfahrzeuge, PKW und Lastkraftwagen zu sprengen. Einmal wurden an einem Lastkraftwagen der deutschen Wehrmacht, der mit Munition beladen war, sechs Sprengkörper angebracht, die mit Zeitbomben versehen waren und in der Nacht detonierten. Wir haben auch Bahnverbindungen gesprengt, auf denen Munitionstransporte nach Brüssel oder an die Front gebracht werden sollten. Einmal in der Weise, daß wir auf einen fahrenden Zug vor einem Tunnel mehrere Bomben warfen, die dann im Tunnel explodierten. Mit der Befreiung Brüssels war für uns der Kampf nicht beendet. Wir meldeten uns freiwillig als geschlossene österreichische Kompanie zur Ausmerzung der deutschen Widerstandsnester. Es gelang uns, den Kanal Campine Aerendonck von den deutschen Faschisten zu befreien. Wegen unserer Tapferkeit wurden wir als erste der gesamten belgischen Partisanenarmee in englische Uniformen eingekleidet.

    Viele Österreicher fuhren Ende 1944, Anfang 1945 nach Jugoslawien, um sich in die in Gründung befindlichen österreichischen Freiheitsbataillone einzureihen.

    Es muß als einmaliges Ereignis in der Geschichte der österreichischen Widerstandskämpfer festgehalten werden, daß österreichische Partisanen in einem Tagesbefehl der Alliierten besonders hervorgehoben wurden.

    Editorische Anmerkungen

    Der Text erschien in den Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 1/1995 und ist eine Spiegelung von http://www.klahrgesellschaft.at/Mitteilungen/Zanger_1_95.html

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.