Die unglaubliche Geschichte der Régine Krochmal

Brüssel/Eupen. Dies ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau und einer
unglaublichen Begebenheit. Es ist die Geschichte der Régine Krochmal.
Sie handelt von Verfolgung, Flucht und beeindruckendem Mut. Und sie handelt von einer tollkühnen Rettungsaktion, die in den Jahren der Nazi-Barbarei einzigartig war: dem Überfall belgischer Widerstandskämpfer auf einen Deportationszug nach Auschwitz.
Immer wieder dieses Lächeln: Es ist charmant und einnehmend, kommt aus wachen,
hellbraunen Augen. Manchmal wirkt es jugendlich-spitzbübisch, manchmal sogar ein
wenig kokett. Nur in seltenen Augenblicken legt sich ein Schatten auf das Gesicht von
Régine Krochmal. «Erinnerungen sind Vergangenheit. Leben heißt nach vorne schauen»,
sagt die 87-Jährige mit fester Stimme. All ihre inneren Kämpfe der vergangenen
Jahrzehnte lassen sich nur erahnen. Sprechen will die zierliche Frau darüber nicht. Wenn
sie über ihre Vergangenheit redet, dann meist in einem sachlichen, fast schon
nüchternen Ton.
Régine ist 19 Jahre alt, als deutsche Truppen im Mai 1940 Belgien überfallen und ihre
Heimatstadt Brüssel besetzen. Politik hat das lebenslustige Mädchen bislang nicht
sonderlich interessiert. Von ihrer besten Freundin Marianne – einer Jüdin, die 1938 mit
den Eltern aus Deutschland nach Belgien geflohen war – hat Régine zwar schreckliche
Dinge über die Nazis gehört. Doch was soll ihr schon passieren? Im liberalen Belgien ist
Religion Privatsache. Für die Familie Krochmal, die seit 1920 in Brüssel wohnt, hat ihre
deutsch-jüdische Abstammung nie eine große Rolle gespielt. Régine begreift sich nicht als
Jüdin.
Doch das ändert sich. Anfang Juni 1942 verbietet die deutsche Militärverwaltung allen
Juden, medizinische Berufe auszuüben. Für Régine hat das Folgen: Sie darf nicht als
Krankenschwester und Hebamme arbeiten. Gemeinsam mit Marianne verdient sie ihren
Lebensunterhalt in der Suppenküche einer jüdischen Hilfsorganisation. Hier verkehren
auch österreichische Emigranten. Es sind ehemalige Spanienkämpfer, Kommunisten,
untergetauchte Flüchtlinge. Sie haben eine der vielen Widerstandsgruppen in Belgien
gegründet. Als «Österreichische Befreiungsfront» besorgen sie Papiere für Illegale,
organisieren Verstecke. Aber die Gruppe druckt auch Flugblätter und eine
deutschsprachige Untergrundzeitung, die sie nachts vor den Kasernen der Besatzer
auslegen.
Gefährlichste Aktionen
Fasziniert von den Widerständlern stürzen sich die zwei jungen Frauen in die konspirative
Arbeit. Beiden fällt eine besondere Aufgabe zu. Sie und andere Mädchen der Gruppe
sollen einzelne deutsche Soldaten ansprechen, sich mit ihnen verabreden und heraus
finden, ob die Wehrmachts-Angehörigen für kritische Informationen empfänglich sind. Ist
das der Fall, versuchen politisch geschulte Mitglieder der Gruppe, die Soldaten zum
Desertieren zu überreden.
Es sind hochgefährliche Aktionen. Immer wieder kommt es zu Festnahmen. Réginehat
Glück – bis zum 19. Januar 1943. Am Abend druckt sie mit zwei Freunden in einer
Wohnung Flugblätter. Da schlägt es gegen die Tür. Gestapo. Razzia. Régine öffnet
leichtbekleidet. Sie gibt sich den Nazi-Schergen als untergetauchte Jüdin zu erkennen,
erzählt, dass die Wohnungsbesitzer ihr für einige Gefälligkeiten ein Nachtlager angeboten
hätten. Die Deutschen fallen auf das Ablenkungsmanöver herein. Sie verhaften Régine,
verzichten aber darauf, die Wohnung zu durchsuchen. Während ihre Freunde die
Druckmaschine in Sicherheit bringen und fliehen können, tritt Régine eine Fahrt in die
Hölle an.
«Mut, Mut, Mut, was heißt schon Mut?» Immer wieder schüttelt Régine Krochmal ihren
Kopf. «Was ich damals gemacht habe, war keine Frage des Mutes. Ich bin nur meinem
Herzen gefolgt, wollte etwas Nützliches und Sinnvolles tun.» Nein, die ehemalige
Widerstandskämpferin will keine Heldin sein, scheint sich gegen jede Art von Verklärung
wehren zu wollen. Als sei ihr Opfer etwas völlig Selbstverständliches gewesen, sagt sie:
«Die beiden Männer mussten den einzigen Druckapparat der Gruppe retten. Das war
unser Schatz. Ich stand in jener Nacht nur vor der Wahl: Gebe ich mich als Jüdin zu
erkennen, dann bin ich zum Tode verurteilt. Werden wir als Widerstandskämpfer
verhaftet, dann sind wir zum Tod und zur Folter verurteilt.»
Die Gefahr, der sie sich damals ausgesetzt habe, sei ihr immer bewusst gewesen. Und
trotzdem: «Es war mit die glücklichste Zeit meines Lebens. In der Gruppe gab es eine
große Wärme und einen enormen Zusammenhalt.» Régine erzählt von ihrer Freundin
Marianne. «Sie hat mir beigebracht, mich selbst und andere zu lieben. Von ihr habe ich
gelernt, was Freundschaft, was Toleranz, was Lebensfreude ist.» Trauer und Wehmut
liegen kurz in ihrer Stimme. Ja, Marianne. Sie hat die Shoah nicht überlebt. Ihre Spur
verliert sich in den deutschen Vernichtungslagern.
Auschwitz – dorthin soll auch Régine deportiert werden. Nach ihrer Verhaftung bringt sie
die Gestapo in die Dossin-Kaserne von Mechelen. Das alte Festungsgemäuer ist das
zentrale Sammellager der SS für in Belgien verhaftete Juden und Zigeuner. Von hier aus
gehen die Transporte in die Vernichtungscamps. Die Zustände in Mechelen sind ähnlich
wie in den anderen Lagern der Nazis: Das tägliche Essen besteht aus einer dünnen Brühe
und einer kleinen Ecke Brot, geschlafen wird auf Stroh, Decken gibt es selbst im tiefsten
Winter nicht, Prügel ist an der Tagesordnung.
Ständig versuchen die Deutschen, ihre Opfer zu demütigen, ihnen den letzten Rest
Würde zu nehmen. Régine muss das immer wieder mit ansehen. So wird den
Ausgehungerten eine zusätzliche Essensration in Aussicht gestellt, wenn sie die Kloaken
nach Wertgegenständen durchwühlen. Einige Gefangene machen es. Doch die SS-Männer
brechen das Versprechen. Ihnen geht es nur darum, ihre Opfer mit Kot beschmiert zu
sehen. Tagelang müssen die ausgemergelten Gestalten so herumlaufen. Waschen dürfen
sie sich nicht.
Fast drei Monate verbringt Régine in dem Lager. Am 19. April 1943 fährt schließlich ein
Zug vor. Fast alle Gefangenen werden in 30 Viehwaggons getrieben. Laut Buchführung
der Lagerverwaltung sind es 1631 Juden – der Älteste 90 Jahre, die jüngste Insassin ist
erst vor sechs Wochen in der Kaserne geboren worden. Sie sollen in den Osten gebracht
werden, in ein Arbeitslager. So verkündet es die SS. Die meisten Häftlinge glauben das.
Auch Regine. Doch kurz bevor sie in den Waggon steigt, steckt ihr ein Mithäftling ein
Messer zu und flüstert: «Versuche Dich zu befreien. Im Osten werden sie euch alle
verbrennen.» Für Regine steht jetzt fest: Sie wird versuchen zu fliehen.
Um 22 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung. Sein Ziel: Auschwitz. Es ist der 20.
Deportationszug, der Mechelen seit Beginn der Besatzungszeit verlässt. Régine ist in
einen der letzten Waggons gesteckt worden. Hier haben die Deutschen die Kranken auf
Stroh gestapelt. Es sind lebende Tote. Gemeinsam mit einem jungen jüdischen Arzt soll
sich Régine um sie kümmern. Doch wie helfen? Es gibt in dem Waggon weder Wasser,
noch Lebensmittel, noch Medikamente.
Auch der Horror kann zum Alltag werden. Manches, was damals geschah, hat Régine
Krochmal vergessen. Einige Bilder mussten verschwimmen, weil nur so ein Überleben
möglich war. Andere Bilder sind verschwunden, weil sie von eindrücklicheren überlagert
wurden. Doch an die Ereignisse der Vollmondnacht vom 19. auf den 20. April 1943 kann
sich Régine auch 65 Jahre später noch in Einzelheiten erinnern. Heute weiß die alte
Dame: Als junge Frau hat sie in jenen Stunden das einzig Richtige getan.
Mit letzter Kraft
Kurz nachdem der Zug das Lager verlassen hat, weiht Régine den Arzt in ihre Pläne ein,
versucht, ihn zu überreden, mit ihr zu «flitzen». Doch der sperrt sich, will bei den
Todgeweihten bleiben und auch Régine an der Flucht hindern. Es kommt zu einem
Wortgefecht, zu einem Kampf. Mit all ihrem Überlebenswillen schlägt die
Widerstandskämpferin den Mann nieder. Dann zerstört sie mit dem Messer das Holzgitter
vor der Luke des Viehwaggons.
Mit letzter Kraft zieht sie sich zu der kleinen Öffnung hoch, zwängt sich hindurch, lässt
sich aus dem langsam fahrenden Zug fallen und landet in der Böschung neben dem
Bahndamm. Wie durch ein Wunder bleibt die junge Frau unverletzt. Im gleichen
Augenblick aber hält der Zug. Es fallen Schüsse, zunächst nur einige, kurze Zeit später
hört Régine Salven aus Maschinenpistolen.
«Ich war wie gelähmt, habe mein Gesicht in die Erde gedrückt und geglaubt, nun sei
alles vorbei», erinnert sich die Belgierin. «Natürlich war ich überzeugt, dass die
Wachmannschaften meinen Sprung gesehen hatten und mich nun suchten.» Aber dem
war nicht so. Den Grund für den Stopp sollte Regine allerdings erst Jahre später
erfahren.
Wochenlang war von Youra Livschitz an dem Plan gearbeitet worden. Der jüdische
Widerständler hatte Kontakt zur belgischen Partisanenarmee aufgenommen und für seine
Idee geworben. Vergeblich. Einen schwer bewachten Deportationszug der Deutschen zu
überfallen, um Gefangene zu befreien, das erschien den Untergrundkämpfern viel zu
riskant. Nur Robert Maistriau und Jean Franklemon, zwei alte Schulfreunde des 25-
Jährigen, hatten sich bereit erklärt, mitzumachen. Am Abend des 19. Aprils fahren sie mit
ihren Fahrrädern nach Boortmeerbeek, einem kleinen Ort zwischen Mechelen und Löwen.
Hier, in der Nähe eines kleinen Waldes, wagen sie das Unmögliche.
Mit einer Sturmlampe, die aussieht wie eine rote Signalleuchte, bringen sie den Zug zum
Halten. Livschitz gibt mit der einzigen Pistole der Gruppe mehrere Schüsse ab. Die
deutschen Wachmannschaften scheinen völlig überrascht zu sein. Einige Augenblicke ist
es still.
Dann beginnen sie mit Maschinenpistolen wild zu feuern, verlassen den Zug aber
zunächst nicht. Die Deutschen scheinen zu glauben, dass eine größere Partisanengruppe
hinter dem Überfall steckt und Angst vor Heckenschützen zu haben. In dieser kurzen Zeit
gelingt es Maistriau und Franklemon, mit Zangen das Schloss eines Waggons zu öffnen
und die Schlösser anderer Waggons zu beschädigen. Über ein Dutzend Gefangene holen
sie aus dem Zug heraus. Dann müssen die drei Widerstandskämpfer ihr Unternehmen
abbrechen. Nur mit viel Glück gelingt es ihnen, den ausschwärmenden Deutschen zu
entkommen.
«Ich war und ich bin kein religiöser Mensch», sagt Régine Krochmal. «Aber ich glaube
nicht an Zufälle. Es war kein Zufall, dass genau im Augenblick meiner Flucht der Überfall
stattfand.» Bis heute sucht Régine nach einem Zusammenhang, versucht sich die Magie
dieses Tages zu erklären. Vor allem, seit sie weiß, dass am 19. April 1943 auch im
besetzten Polen etwas Großes geschah. Dort wagten die letzten Überlebenden des
Warschauer Gettos einen heroischen Aufstand gegen die Deutschen. Sie wollten sich
nicht wie Lämmer zur Schlachtbank schleppen lassen, wollten der Opferrolle entkommen.
Schweigen trotz Folter
Entkommen kann auch Régine Krochmal. Nachdem der Zug wieder Fahrt aufgenommen
hat, läuft sie los und trifft auf einen belgischen Bahnwärter, der die junge Frau mehrere
Stunden lang auf seinem Grundstück versteckt. Am nächsten Tag fährt sie mit der
Straßenbahn zurück nach Brüssel. Hier arbeitet sie wieder für ihre Widerstandsgruppe.
Monatelang. Bis sie von einem deutschen Soldat erkannt und verhaftet wird.
Als Widerstandskämpferin gerät Régine nun in die Foltermaschinerie der Nazis. Mit aller
Gewalt versuchen die Deutschen, im Lager von Mechelen Informationen über den
belgischen Widerstand aus ihr herauszuprügeln.
Die junge Frau schweigt. Schließlich wird sie zum Tode verurteilt und soll im Sommer
1944 zur Exekution ins Reich gebracht werden. Doch die bürokratische Seite der
deutschen Mordmaschine rettet ihr das Leben. Da unter dem Urteil eine Unterschrift
fehlt, scheitert ihr Abtransport. Tage später, am 3. September 1944, rücken die Alliierten
in Brüssel ein. Régine ist frei.
Über das, was in den fensterlosen Folterzellen der Nazis geschehen ist, redet Régine
nicht. Sie sagt nur: «Die dicken Mauern der Kaserne haben meine Schreie geschluckt.»
Die physischen Spuren der Tortur sind bis heute geblieben. Einen Hass auf alles, was
deutsch ist, hat sie trotzdem nicht. «Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die Religion oder
die Nationalität bedeuten wenig, das Wesentliche kommt vom Herzen.» Diesen Satz hat
ihr im Lager von Mechelen ein kommunistischer Mitgefangener gesagt. Für Régine
Krochmal ist er zum Lebensmotto geworden.
Die Erinnerung
Nach dem Krieg arbeitet Régine Krochmal als Hebamme. Sie heiratet und wird Mutter.
Mann und Sohn sind inzwischen verstorben.
Hat sie ihnen jemals von dem erzählt, was sie zuletzt in Mechelen durchlitten hat? Die
alte Dame schweigt. Schweigt lange. Ist ihr die Frage zu nah, zu intim? Löst sie Bilder
aus, die tief versteckt sind? Es gibt Kinder von Überlebenden der Shoah, die erst nach
dem Tod der Eltern erfahren haben, dass Vater und Mutter in einem Konzentrationslager
waren.
Nie haben die Eltern über ihr Leiden reden können. Sie haben versucht zu verdrängen.
Weil sie nicht hätten leben können mit einem Kopf, der ständig platzen und einer Seele,
die ständig zerspringen will. Weil jedes Erzählen ein neues Erinnern und neues
Durchleiden gewesen wäre.
Régine räuspert sich. Dann sagt die große alte Dame mit leiser Stimme und ohne jedes
Pathos: «Man muss bereit sein, für seine innere Harmonie zu kämpfen. Man muss lernen
zu lieben.»
Gedenken an die Rettungsaktion in Eupen
Aus dem 20. Deportationszug konnten bis zum Erreichen der deutschen Grenze bei
Aachen insgesamt 231 Juden entkommen. Vielfach gelang es ihnen, die von den
Partisanen beschädigten Schlösser an den Waggons von innen aufzubrechen.
Régine Krochmal hat vor wenigen Wochen auf Initiative des Historikers Herbert Ruland in
Eupen erstmals öffentlich über ihre Vergangenheit geredet. Teilweise wurde ihre
Geschichte bereits in dem Buch «Stille Rebellen» von Marion Schreiber (Aufbau-Verlag)
veröffentlicht.
Zum Gedenken an den Jahrestag der Rettungsaktion wird es am Bahnhof in Eupen am 8.
Mai (18 Uhr) eine Gedenkveranstaltung geben. Wenn es ihre Gesundheit zulässt, wird
Régine Krochmal die Eröffnungsrede halten.

Régine Krochmal

Widerstandskämpferin und Überlebende des 20. Deportationszuges

Régine Krochmal wurde 1920 in den Niederlanden geboren. Mit 6 Jahren kam sie mit ihren Eltern nach Brüssel. In ihrer Familie spielte Religion keine Rolle, das Wort „Jude“ das sie später immer wieder zu hören bekommen sollte, hatte für sie keine Bedeutung.

Zuerst lernte Régine Krankenpflege. Nach Abschluss der Krankenpflegeausbildung erlente sie zusätzlich den Beruf der Hebamme. Im Juni 1942 wurden alle Juden aus den medizinischen Berufen ausgeschlossen. Régine stand kurz vor ihrem Abschluss, aber hier sollte ihre Hebammenausbildung enden. Zutiefst enttäuscht verabschiedete sie sich von ihrem Ausbildungsleiter. Aber dieser setzte sich innerhalb seiner Möglichkeiten über die Ausgrenzung der jüdischen Mitarbeiter hinweg und bot ihr an, zu den Prüfungen zu erscheinen.

Kurz nach dem Einmarsch der Deutschen im Mai 1940 lernte sie Marianne kennen. Sie war mit ihrem Vater aus Deutschland nach Belgien geflohen. Marianne hatte einen behinderten Bruder und sie erzählte Régine, dass die Nazis ihren Bruder umgebracht hatten.

Für Régine war klar: „Jüdin zu sein, war ihr Todesurteil. Sie hatte nur die Wahl zwischen: sterben ohne etwas getan zu haben oder sterben und etwas getan zu haben.“ Sie entschied sich dafür aktiv zu werden.

Marianne arbeitete in einer von der jüdischen Gemeinschaft in Brüssel eingerichteten Suppenküche für jüdische Emigranten. Hier trafen sich vor allem junge Menschen aus Deutschland und Österreich.

Hier lernte Régine ihre neuen Freunde kennen. Gemeinsam beschlossen sie „etwas zu tun“. Sie gründeten die „Österreichische Freiheitsfront“ als Teil der großen belgischen Widerstandsorganisation „Front de l‘Indépendance“. Man sagte ihr: „Wenn du verhaftet wirst, musst du alles vergessen!“
Diese Gruppe, in der man Deutsch sprach, versuchte subversive Propaganda unter den deutschen Soldaten zu verteilen. Sie druckten eine Zeitschrift „Die Wahrheit“ mit Informationen, aus dem britischen und polnischen Radio über den Krieg. Sie wollten versuchen, soviel Soldaten wie möglich zur Desertation zu motivieren. Die Mädchen der Gruppe sprachen die Soldaten direkt an, trafen sich mehrmals mit ihnen, um diese Überzeugungsarbeit zu leisten.

In der Nacht vom 19. zum 20. Januar 1943 wurde sie verhaftet. Sie druckte mit zwei Freunden in einer Wohnung in Brüssel die Untergrundszeitung, als an die Tür geklopft wurde. Schnell wurde die Druckmaschine versteckt und die beiden Männer flüchteten durchs Fenster.

Régine öffnete schlaftrunken und erklärte, dass ein Mann sie in die Wohnung mitgenommen habe. Sie gab sich sofort als Jüdin zu erkennen, um eine Wohnungsdurchsuchung durch die Gestapo zu vermeiden. Denn am Wichtigsten war, dass die Druckmaschine unentdeckt blieb!

Man brachte sie in den Keller des berüchtigten Hochhauses in Brüssel, Avenue Louise, in der die belgische Außenstelle des Reichssicherheitshauptamtes untergebracht war. Dort wurde sie mehrere Tage gewaltsam verhört bis man sie schließlich am 27.01.1943 zusammen mit anderen Leidgenossen auf einen Lastwagen verfrachtet in das Sammellager Mechelen transportierte.

Am 19. April 1943 startete der 20. Deportationszug von Mechelen nach Auschwitz. Es war der erste Viehwaggon, der von den Nazis benutzt wurde, denn aus den vorherigen Zügen konnten zu viele Gefangene aus den Fenstern springen. Die kleinen Fensteröffnungen des Viehwaggons wurden mit Holzlatten zugenagelt.

An Bord dieses 20. Transportes befanden sich 1631 Menschen, vor allem Juden, aber auch Sinti und Roma aus Nordfrankreich, dem Pas-de-Calais. Unter ihnen befand sich auch Régine Krochmal, die als Krankenschwester in den Krankenwaggon ganz am Ende des Zuges und zusammen mit einem anderen Arzt einsteigen sollte. Kurz bevor sie in den Waggon einstieg, steckte ihr ein jüdischer Arzt ein Messer zu. Er sagte zu ihr: „Schneide die Latten auf und spring, denn man wird dich verbrennen!“
Als der Zug losfuhr versuchte sie sofort mit Hilfe des Messers das vernagelte Fenster aufzumachen. Der Arzt, der mit ihr an Bord war, versuchte sie daran zu hindern, denn die Nazis hatten gedroht, dass alle erschossen werden, wenn einer flieht. Der kleinen zierlichen Régine, die entschlossen war zu ihrer Widerstandsgruppe zurückzukehren, gelang es, den Mann außer Gefecht zu setzen. Wie sie heute sagt: „Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe, aber ich habe zugeschlagen und er lag auf einmal auf dem Boden.“

Sie schaffte es, die Fensteröffnung aufzumachen und als der Zug etwas langsamer fuhr, abzuspringen. Als sie auf dem Boden lag, hielt der Zug plötzlich an. Schüsse fielen. Sie wusste nichts von dem Überfall und dachte man suche nach ihr. „Ich habe mir Erde in den Mund gestopft, um nicht zu schreien!“

Erst viele viele Jahre später sollte sie erfahren, dass drei junge Helden den Transport überfallen hatten.

Régine wollte wieder nach Brüssel zurück. Um nicht die Orientierung zu verlieren, lief sie an den Gleisen entlang. Sie traf auf einen jungen Eisenbahner, der in einem Bahnwärterhäuschen saß, und bat ihn um Hilfe. Dieser Mann, der Régine noch nie zuvor gesehen hatte, versteckte sie in einem kleinen Heuschober. Als kurz darauf Militärpolizei auf der Suche nach entflohenen Juden erschien, lud der Eisenbahner die Häscher zu einem Drink ein. Am nächsten Morgen zeigte er Régine den Weg zur Tramhaltestelle nach Brüssel.

An der Haltestelle angekommen erblickte Régine weitere Geflohene aus dem Zug. Sie wagten es nicht, sich offen anzusehen oder gegenseitig anzusprechen. Die Pendler, die um 600 Uhr früh mit der Straßenbahn nach Brüssel zur Arbeit fuhren, Arbeiter und Angestellte, spürten, dass mit den Fremden an der Haltestelle etwas nicht stimmte. Ohne ein Wort zu sagen umringten sie die Flüchtigen und schirmten sie vor neugierigen Blicken der Militärpolizei ab.

Zurück in Brüssel fing Régine Krochmal sofort wieder damit an, die Untergrundszeitung an deutsche Soldaten zu verteilen. Ein von ihr zum zweiten Mal angesprochener Soldat sollte sie aber verraten.

Sie wurde wieder verhaftet und nach Mechelen in Isolierhaft gebracht. Denn jetzt war sie nicht mehr „nur“ eine untergetauchte Jüdin, sondern sie war als Widerstandskämpferin entlarvt.

Die Gestapo wollte von ihr die Namen ihrer Freunde erfahren und folterte sie aufs Brutalste. Trotz aller Schikanen hatte sie immer geschwiegen.

In der Nacht vom 3. zum 4. September 1944 hatte ihr Leiden ein Ende: Die Amerikaner hatten Belgien befreit.

Marcel Hastir, ein „Mensch“

Eine Preisverleihung und viele Erinnerungen

Von Rudolf Wagner

Marcel Hastir, inzwischen 101 Jahre alt, ist vom Centre Communautaire Laïc Juif (CCLJ) zum „Mensch de l’année 2007“ ernannt worden. Ein später Preis, der einem Künstler, Lebensretter und Monument der Brüsseler Zeitgeschichte gilt, der mit aller Kraft sein Lebenswerk verewigen möchte: das Atelier Marcel Hastir in der Rue du Commerce, 51.

Sie haben ihn also geküsst, seine Hände gestreichelt und mit ihm gesprochen, obwohl er nicht alle Worte zu verstehen schien. Sie haben mit Zärtlichkeit oder jedenfalls mit großem Respekt den Greis begrüßt, der im Rollstuhl seine Gäste empfing und nicht wusste, weshalb eigentlich sein Atelier so voller Menschen war. Es gibt ein Alter, in dem Preisverleihungen keine wirkliche Rolle mehr für den Betroffenen spielen, wohl aber viel für diejenigen bedeuten, die diesen Preis verleihen.

Denn Marcel Hastir verdient Verehrung. Zur gleichen Zeit wie Magritte stellte der junge Maler, Zeichner und Dekorateur im Palais der Schönen Künste seine Werke aus, er mietete 1935 ein großes Atelier im Haus der Theosophischen Gesellschaft, das schnell zu einem Treffpunkt begeisterter Maler und Musiker wurde – und zu einem Zentrum des Widerstands unter deutscher Besatzung. Er fälschte Papiere, er versteckte Juden und Mitglieder der Résistance, er unterstützte den deutschen Schriftsteller Carl Sternheim während seiner Krankheit und begrub ihn später auf dem Friedhof in Uccle. Er beherbergte und unterstützte zwei der drei mutigen jungen Männer, die den 20. Judentransport nach Auschwitz anhielten, und immer wieder wie zum Trotz gab es im Atelier Ausstellungen und Konzerte. Momente der Besinnung zwischen den Ausgangssperren.

Fluchtburg

Es wurden viele herzliche Reden zur Preisverleihung gehalten. Ergreifend die sehr persönliche Ansprache einer kleinen, zerbrechlichen, alten Dame mit roten Haaren, Régine Krochmal, die zu den Geretteten aus dem 20. Transport gehört, und die „le commerce de Marcel“ beschrieb, das Atelier als Fluchtburg, von der Marcel die Gestapo mit immer neuen Ausreden fern halten konnte.

Es schien, als wolle sich der Alte aus seinem Rollstuhl erheben, um nochmals diese schwere Zeit und die friedlichen Jahre danach Revue passieren zu lassen, als junge Musiker in seinem Atelier ihre ersten Konzerte gaben, darunter viele spätere Teilnehmer und Sieger beim Königin-Elisabeth-Wettbewerb; übrigens zählte Jacques Brel ebenfalls dazu. Hastir gelang es auch, den Brüsseler Opernintendanten für einen jungen Tänzer namens Maurice Béjart zu interessieren. Heute gibt es alle zwei Wochen Konzerte im Atelier und viele Veranstaltungen. Der Saal steckt voller Erinnerungen, aber für die definitive Rettung des Hauses vor der Immobilienspekulation fehlt das Geld. Die Vorhänge waschen Mitglieder es gemeinnützigen Vereins „Atelier Marcel Hastir“ (asbl) zuhause in der Waschmaschine.

„Nie wieder“

Hastir verlangte mit Überzeugungskraft in seiner Dankesrede, die mehr der Zukunft galt als vergangenen Zeiten, man solle sein Atelier zu einem Museum machen. Er möchte die Mahnung wach halten, dass „so etwas nie wieder passieren darf“, und dass „niemand mehr den Krieg erklären darf“. Sein Verein bemüht sich längst darum, aber er wartet noch immer auf finanzielle Unterstützung der Behörden. Wenigstens wird das Haus zu seinen Lebzeiten nicht abgerissen.

Der Name Hastir stehe für mehr Kultur, mehr Wissen und mehr Humanität, für mehr „Menschkeit“, und dank solcher Mitmenschen seien in Belgien Tausende Kinder und Erwachsene gerettet worden. „C‘est le Mensch des Mensch“, schrieb der Ehrenpräsident des Centre Communautaire Laïc Juif, David Susskind, über Marcel Hastir.

Info:

Die Stiftung Roi Baudouin hat ein Sammelkonto eingerichtet, auf das Beiträge zur Rettung dieses Kulturerbes auch von Privatleuten steuergünstig eingezahlt werden können (Konto Nr. 000-0000004-04 mit der Bemerkung „L82160 – Fondation Atelier Marcel Hastir“)

Kontakt: Roland Schmid

roland.schmid(at)telenet.be

Auf den Spuren deutscher Besatzung

Ein anderer Kreuzweg: in und um Brüssel

Von Rainer Gerold

Der große Bus musste es sein, denn groß war die Teilnehmerzahl aus den beiden christlichen deutschen Gemeinden in Brüssel, die sich unter Führung von Pfarrer Cierpka am Samstag, den 7. März, auf den Weg machten, um Orte der Erinnerung aufzusuchen: Erinnerung an das Unrecht, das die deutschen Besatzer Belgiern zugefügt haben, aber auch an den Widerstand gegen das Unrecht.

Das ehemalige Atelier des Malers Marcel Hastir in der Rue du Commerce 51 ist die erste Station auf diesem Kreuzweg. Im Europaviertel gelegen und jetzt immer wieder vom Abriss bedroht, war dieses alte Haus ein Zentrum des belgischen Widerstandes. Hier versteckte Hastir während der deutschen Besatzungszeit Juden vor ihren Verfolgern, hier war der Treffpunkt junger Widerstandskämpfer. Drei junge Intellektuelle, Youra Livchitz, Jean Franklemon und Robert Maistriau trafen sich hier, um eine waghalsige Aktion zu planen: den Überfall auf den 20. Deportationszug von Mechelen nach Auschwitz am 19. April 1943.

Atelier Marcel Hastir

Im „Atelier Marcel Hastir“ fühlt man sich in diese Zeit zurückversetzt, da steht ein alter Kanonenofen, die Wände sind voll behängt mit Bildern und es gibt einen alten Apparat zu sehen, der dem Widerstand dazu gedient hat, Flugblätter zu vervielfältigen. Monsieur Hastir ist jetzt 103 Jahre alt und wohnt nach wie vor in diesem Haus. So lange er lebt, ist der Bestand dieser einzigartigen Erinnerungsstätte nicht gefährdet. Aber was dann? Wie Susanne Fexer uns erläutert, bemüht sich ein Verein mit Hilfe von Sponsoren, durch die Organisation von Konzerten und anderen kulturellen Veranstaltungen, die nötigen Mittel für die dringend notwendige Restaurierung des Hauses und seinen dauerhaften Erhalt aufzubringen. Jede Hilfe ist hier willkommen!

Nach einem kurzen Halt vor Photographien, die zur Zeit am Zaun gegenüber dem Palais Royal ausgestellt sind und Mitbürger erinnern, die während der Besatzung deportiert wurden, erreichen wir ein schlankes, neun Stockwerke hohe Apartmenthaus in der Avenue Louise Nr. 453, die zweite Station unseres Kreuzweges. Nur bei sehr genauem Hinsehen erkennt man noch die Spuren der Einschüsse, über deren Ursache eine unscheinbare Tafel aufklärt: In diesem Haus, das gegenüber dem Park der Abbaye de la Cambre liegt, war die Gestapo untergebracht. In seinen Kellern wurden jüdische Männer, Frauen und Kinder sowie Personen, die verdächtigt wurden im Widertand tätig zu sein, gefangen gehalten, gefoltert und anschließend in Sammellager gebracht.

Jean de Sélys Longchamp

Am 20. Januar 1943 wurde die Gestapozentrale bei einem überraschenden Sturzflugangriff verwüstet. Mehrere SS-Mitglieder wurden dabei getötet oder verletzt. Geflogen hat diesen Angriff ein junger belgischer Pilot in den Diensten der Royal Air Force, Jean de Sélys Longchamp. Bei einem Erkundungsflug hatte er sich von seinem Geschwader entfernt und auf eigene Faust diesen waghalsigen Angriff unternommen. Er hatte sich damit für die Ermordung seines Vaters durch die Gestapo rächen wollen. Auf der Verkehrsinsel vor dem Gebäude erinnert eine vergoldete Büste an diesen Helden. Aber wer achtet schon darauf, wenn er mit dem Auto daran vorbeikommt?

Auf der Weiterfahrt gilt ein kurzer Blick dem in einem Park gelegenen kleinen Schloss, das jetzt Sitz der Verwaltung der Europäischen Schule in Uccle ist. Es war früher Teil der Université Libre de Bruxelles, die sich durch ihren freiheitlichen Geist auszeichnete. Sie war ein natürliches Zentrum des Widerstandes und konspirativer Treffen gegen die deutsche Besatzungsmacht.

Vierter Punkt des Kreuzweges und bedrückender Höhepunkt der Fahrt ist das Fort de Breendonk, das bei Willebroek an der A12 zwischen Brüssel und Antwerpen liegt. Es wurde vor dem ersten Weltkrieg errichtet und ist jetzt eine nationale Gedenkstätte. Der flache, grauschwarze, unförmige Betonkoloss symbolisiert geradezu Krieg, Grausamkeit, Leiden und Tod. Die Nazis betrieben dort von September 1940 bis August 1944 ein Konzentrationslager. Ein großer Teil der insgesamt etwa 4000 Gefangenen wurde mit Deportationszügen nach Auschwitz oder in andere Vernichtungslager gebracht. Unter ihnen befanden sich Jean Franklemon und Robert Maistriau, die glücklicherweise überlebten. Auch Youra Livchitz war vor seiner Erschießung 1944 in Brüssel zeitweise in Breendonk und wurde dort gefoltert.

Casino mit SS-Symbolen

Der Rundgang durch die feuchten, kalten Räume lässt einen erschaudern. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein und man kann sich in den Schlafsälen, Einzelzellen, Toiletten und Folterkammern recht gut vorstellen, wie es dort zuging: Hunger, Kälte, Feuchtigkeit, Erschöpfung, Krankheit, unendliche Schmerzen, Mord. Neben den SS-Schergen sind auch die belgischen Kollaborateure, die bei den Grausamkeiten eine aktive Rolle spielten, in großen Fotoporträts abgebildet. Besonders erschreckend ist, dass oft nicht auf höheren Befehl, sondern aus Sadismus gefoltert und gemordet wurde. Ein makabrer Höhepunkt des Rundgangs ist das „Casino“ mit den SS-Symbolen an der Wand und dem Leitspruch „Meine Ehre ist Treue“.

Der ausgezeichnete und sehr sachlich orientierte Führer berichtet uns von den vielen Schulklassen besonders auch aus Deutschland, die das Fort besuchen. Ihm geht es darum, dass Lehren aus der Vergangenheit für unsere Gegenwart gezogen werden. Sind nicht Folter und Unrecht nach wie vor in unserer Welt weit verbreitet und auch in Demokratien anzutreffen?

Den Abschluss unseres Kreuzweges bildet schließlich das Denkmal am Bahnhof in Boortmeerbeek (nordöstlich von Vilvoorde), das an den Überfall auf den Deportationszug am 19. April 1943 erinnert. Es wurde 2005 unter finanzieller Beteiligung der beiden deutschen christlichen Gemeinden in Brüssel errichtet und soll dazu beitragen, dass diese herausragende Tat scheinbar machtloser Einzelner gegen die Gewaltherrschaft nicht vergessen wird. Dafür hat in anderer Form schon fünf Jahre früher Marion Schreiber gesorgt. Mit ihrem Buch „Stille Rebellen“ hat sie dieser einzigartigen Tat und dem belgischen Widerstand insgesamt ein Denkmal gesetzt.

NS- und Kriegsverbrechen – ihre Rezeption in Europa und Ostasien

gemeinsame Konferenz von IC MEMO und ICOMAM in Seoul vom 4.–6.10.2004
Brebeck, Wulff E. und Thomas Lutz

Auf den ersten Blick erscheint die gemeinsame Verantwortung von internationalen Komitees, in denen auf der einen Seite Gedenkstätten für Opfer staatlicher Gewaltverbrechen und auf der anderen Seite Armee- und Militärmuseen organisiert sind, für eine Konferenz mit dieser Thematik ungewöhnlich. Sie war maßgeblich auf Initiative des Koordinators auf Seiten des südkoreanischen Organisationskomitees Changhkook Kang, Kurator am War Memorial of Korea in Seoul, zurückzuführen.
Der Präsident von ICOMAM, Guy M. Wilson, ehemaliger Direktor des Royal Armouries Museum im Tower in London, machte jedoch bereits in seiner Begrüßung deutlich, dass es trotz der offenkundigen Unterschiede in der alltäglichen Arbeit Berührungspunkte gibt. Armeemuseen wenden sich über ihre traditionell schon zugehörige Aufgabenstellung des Gedenkens der Kriegsopfer hinaus mehr und mehr der sozialgeschichtlichen Dimension von Waffengebrauch und Kriegsgeschehen zu. Damit verbunden ist eine verstärkte Reflexion moralischer Gesichtspunkte. So hat das Imperial War Museum in London eine Abteilung zum Holocaust eröffnet, das Königliche Militärmuseum in Brüssel bereitet eine solche Ausstellung vor.
Die ersten anderthalb Tage der Konferenz waren in der Betrachtung der Erinnerungskulturen in Deutschland und – ansatzweise – den ehemals von der Wehrmacht besetzten europäischen Ländern einerseits sowie in Japan und Korea anderseits gewidmet. Thomas Lutz, stellvertretender Vorsitzender von IC MEMO, Leiter des Gedenkstättenreferats der Topographie des Terrors, Berlin, stellte seine Einrichtung vor und berichtete über den schwierigen Weg, den der öffentliche Diskurs über Inhalte und Formen des Gedenkens an die Opfer im Land der Täter zunächst im westlichen und nach dem Ende des ostdeutschen staatlich verordneten Antifaschismus im gesamtstaatlichen Rahmen zurückgelegt hat.
Im Unterschied zu Deutschland ist in den während des Zweiten Weltkriegs besetzten Ländern die Darstellung als Opfer hervorgehoben. Allerdings hat es in allen diesen Ländern – wenn auch in sehr unterschiedlichem Maße – Kollaboration gegeben. Da diese Seite der Geschichte häufig wenig öffentlich reflektiert sind, bestehen in diesen Ländern Beschränkungen in der Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen, die sich in der internationalen Zusammenarbeit als hinderlich erweisen. Er verwies auf die Problematik der Kollaboratoren, die – zumeist noch nicht öffentlich hinreichend reflektiert – dem jeweils offiziellen Verständnis als Gesellschaft der Opfer in vielen ehemals besetzten Ländern entgegensteht.
Dr. Jan Munk, ebenfalls stellvertretender Vorsitzender von IC MEMO, Direktor der Gedenkstätte Terezin, Tschechische Republik, stellte vor dem Hintergrund der Verfolgung der Juden zunächst in den böhmischen Ländern, dann in fast ganz Europa, die Arbeit der Gedenkstätte in Gebäuden und Geländen vor, die zum ehemaligen Ghetto Theresienstadt bzw. der Kleinen Festung gehörten. Als zentralen Einschnitt charakterisierte er das Ende der Diktatur 1990, dass die Herausarbeitung der Bedeutung Theresienstadts im Zusammenhang des Genozids an den europäischen Juden überhaupt erst ermöglichte.
Frau Prof. Julie Higashi, Ritsumeikan-Universität, Kyoto, Japan, fokussierte ihre kritische Darstellung des Umgangs mit Kriegsverbrechen und Kriegsopfern in Japan auf zwei Gedenkorte: den Yasukuni-Schrein in Tokio und die Gedenkstätte der Präfektur (Provinz) Okinawa. Der Yasukuni-Schrein, eine shintoistische Gedenkhalle, zu der ein Museum gehört, wird von einer privaten Stiftung unterhalten. Das Gedenken an die Kriegstoten bezieht sich auf Soldaten (zu denen auch die Zwangsverpflichteten aus den besetzten Ländern gezählt werden). Sie werden – einschließlich hochrangiger, von alliierten Militärtribunalen wegen Kriegsverbrechen Verurteilter sowie wider Willen in den Tod geschickter Kamikaze- und Kairin-Piloten als Helden verehrt. Der schwülstige Heldenkult gipfelt in dem Vergleich mit – schnell verblühenden – Kirschblüten und der Präsentation der Brautkleider, die die »Heldenmütter« für die Eheschließungen ihrer Söhne vorbereitet hatten. Ein unreflektierter Kaiserkult wird praktiziert, der die Rolle des Tenno als Oberbefehlshaber während der Kolonialzeit und des Weltkrieges ausblendet. Eine unmittelbar politische Dimension erhalten die Gedenkfeiern durch wiederholte Teilnahme japanischer Regierungsvertreter (zuletzt 2001), was in Japan, vor allem aber in den ehemals besetzten Ländern, zu denen Korea gehört, auf heftige Kritik stößt.
Dass auch in Japan offene, wahrhaftige Formen des Gedenkens auf öffentliche Unterstützung treffen, verdeutlichte Frau Higashi am Beispiel des Okinawa Peace Memorial Museum. In dieser Gedenkstätte am Ort einer Schlacht im Rahmen der Eroberung Okinawas durch die US-Streitkräfte 1945 wird die Rolle Japans als Aggressor nach außen und repressive Macht nach innen, die selbst Kriegsverbrechen verübte, dargestellt, und es wird aller Opfer auf beiden Seiten ohne falsche Gleichmacherei gedacht.
Am Beispiel von Hiroshima stellt Frau Prof. Chieko Otsuru, Kansai-Universität, Osaka, Japan, dar, wie der Ort einerseits für den Mythos Japans ausschließlich als Opfer genutzt und andererseits mit den Atombomben-Opfern höchst widersprüchlich verfahren wurde. In das Bild des japanischen Opferstatus passten die getöteten oder verletzten koreanischen Zwangsarbeiter nicht. Sie erhielten nach Wegzug aus der Stadt keine weitere Hilfe, ihr Mahnmal durfte bis 1999 nicht im Friedenspark stehen. Auch die überlebenden japanischen Opfer, die durch die Katastrophe verelendet waren, wurden in slumähnlichen Hochhausburgen »entsorgt«. Es fand eine Desintegration bei gleichzeitiger Heroisierung, die trotzdem hinsichtlich der atomaren Rüstung wirkungslos blieb, statt.
Frau Higashi hat in einem Redebeitrag darüber hinaus darauf hingewiesen, dass die von den USA für den Terroranschlag am 11. September 2001 genutzten Begriffe dieselben waren, wie sie vom amerikanischen Militär für den Atombombenabwurf in Hiroshima entwickelt wurden – Stichwort: Ground Zero.
Dr. Dong-Hee Rhie, Universitätsdozent in Seoul und Berater des Ministerpräsidenten für Fragen der Zivilgesellschaft, referierte über die Kolonial- und Kriegsverbrechen der japanischen Besatzungsarmee in Korea. Die Nichtanerkennung der Ansprüche koreanischer Bürger durch die japanische Regierung belaste die Beziehungen sehr.
Frau Mi-Hyang Yoon, Generalsekretärin des Koreanischen Hauses für internationale Solidarität Seoul, widmete sich dem Thema der sog. »Comfort Women«, Frauen aus Korea, China, Indonesien u.a. japanisch besetzten Ländern, die zum Dienst in Soldatenbordellen gezwungen worden waren. Das Thema wird, seitdem ein junger Filmemacher Anfang der 1990er Jahre es öffentlich machte, in all diesen Ländern und in Japan heftig öffentlich diskutiert, ohne dass die japanische Regierung bisher Ansprüche anerkannt hat. Frau Yoon berichtete über Kampagnen, die der »Rat zur Unterstützung der zu sexueller Sklaverei gezwungenen Frauen« durchgeführt hat und die national und international die Lage der wenigen überlebenden Frauen in Korea verbesserten. Zur Zeit organisiert der Rat eine Kampagne zur Ächtung Japans durch die UNO und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO). Ferner ist an die Gründung eines Museums zur Erinnerung an diese Frauen gedacht.
Während in Japan als Konsequenz aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges eine Reihe von Friedensmuseen gegründet wurden, deren bekannteste sich in Hiroshima und an der Ritsumeikan Universität in Kyoto befinden, gibt es eine solche Tradition in Korea nicht. Pastor Hae-Dong Lee, Seoul, skizzierte das Konzept des 2003 gegründeten »Center for Peace Museum«, eines eher virtuellen Museums. Das Zentrum versteht sich als Agentur zur Förderung der Empathie gegenüber Kriegsopfern (z. B. auch der vietnamesischen, die im Vietnam-Krieg auch von koreanischen Soldaten angegriffen wurden, da die südkoreanische Armee dort auf der Seite der USA gekämpft hatte) und von daher zur Schaffung von »Empathie-Räumen«, die überall in der Alltagswelt geschaffen werden sollen. In Schulfluren, an Bürowänden, auf einem Regalbrett in einer Bücherei sollen solche »Mein Museum« genannten Räume entstehen, die per digitaler Übermittlung der dort vorgestellten Materialien in einem »Cyber Peace Museum« zusammengeschlossen werden sollen. Das »Center for Peace Museum« sieht darin einen wirkungsvollen Beitrag zur Friedenserziehung und zu einem neuen Verständnis von Museen.
War in der Auseinandersetzung mit persönlicher und kollektiver Erinnerung und der Verweigerung oder Anerkennung als Bestandteile gesellschaftlich sanktionierter Erinnerungskultur nur implizit von »intangible heritage«, dem Oberthema der ICOM-Generalkonferenz, die Rede, so widmeten sich die Teilnehmenden am Nachmittag des zweiten Konferenztages diesem Thema expressis verbis.
Guy M. Wilson stellte die »Mass of Peace« vor , ein Auftragswerk der Royal Armouries anlässlich des Millenniums 2000. Unter Verwendung von Musik, die in verschiedenen unliterarischen militärischen Kontexten gebraucht wurde, auf Kriegserfahrungen bezogene Volkslieder (darunter sehr prominent ein Lied des 16. Jahrhunderts, das die Furcht vor dem »bewaffneten Mann« thematisiert), religiösen Musikstücken und Stücken der musikalischen Tradition, die Krieg zum Thema haben, komponierte Carl Jenkins eine – dem traditionellen Aufbau folgende – Messe. Sie wurde inzwischen mehrfach – mit wachsendem Erfolg – aufgeführt und z. B. in Cardiff mit einer Filmvorführung verbunden, die u.a. Texte des japanischen Dichters und Hiroshima-Opfers Sakidu Sakichi umsetzte. Der Einsatz wurde von Museumspädagogen, vor allem wegen des Zusammenschnittes der Musik mit sehr emotionalen und grausamen Bildern, skeptisch beurteilt. Die große öffentliche Wahrnehmung drückte sich u.a. in Rang 8 in den Classic-Charts, den diese CD errang, aus. In Leeds, wo sich eine Zweigstelle des Museums befindet, gründeten Bürger ein »Peace Music Movement« und führen seitdem einen jährlichen Wettbewerb »Poetry for Peace« durch.
Dr. Vojtech Blodig, stellvertretender Direktor der Gedenkstätte in Terezin, berichtete über das reiche kulturelle Leben, das die Inhaftierten im Ghetto Theresienstadt mit Duldung der SS und angesichts ständig durchgeführter Transporte in die Vernichtungslager entfalteten. Aufgrund der Tatsache, dass in Theresienstadt die künstlerische Elite mehrerer Länder inhaftiert war, erreichten die Aufführungen einen einzigartigen Rang. Der Referent wies darauf hin, dass das Kabarett häufig zensiert wurde und dass z.T. während der Proben von musikalischen Werken die Stimmen immer wieder neu besetzt werden mussten, weil die Schauspieler und Musiker auf Todestransporte geschickt wurden. Die Kinderoper »Brundibar« von Hans Krasa wird bis heute vielfach aufgeführt.
Joseph D’Reilly, Direktor der Initiative für ein International Human Rights Museum, London, stellte zunächst seine Initiative vor, die unter dem Titel eines Museums ein Forum für den Schutz und die Weiterentwicklung der Anerkennung der Menschenrechte anstrebt. Museen werden dabei als wichtige Kooperationspartner gesehen. Sodann gab er eine Einführung in die internationale Rechtslage hinsichtlich des Schutzes der Intangible Heritage. Er berichtete über die lange Vorgeschichte der entsprechenden UNESCO-Konvention von 2003, so u.a. die Konvention zum Schutz von kulturellem und natürlichem Erbe von 1972. So sei die jetzt vereinbarte Konvention, die auch finanzielle Zuwendungen der UNESCO im Einzelfall vorsehe, ein großer Schritt vorwärts. Das Verfahren, wonach die jeweiligen Überlieferungen in Listen zu kodifizieren und vom jeweiligen Staat der UNESCO vorzuschlagen seien, weise jedoch auch Gefahren auf. Nicht staatlich erwünschte Überlieferungen hätten keine Chance auf internationale Anerkennung; bei mehreren beteiligten Staaten sei die Zustimmung aller Regierungen notwendig, was nicht in jedem Fall zu erreichen sei; die Unterschutzstellung führe zu einer »Fossilierung« des gegenwärtigen Zustandes; die Gleichbehandlung könne zu einer Gleichsetzung von Kulturen führen, in denen real das Gewicht der Intangible Heritage völlig unterschiedlich sei. O’Reilly schloss seine Ausführungen mit einigen Beispielen über die Bedeutung für Gedenkstätten ab, darunter den Einsatz von Songs und Erzählungen von Gefangenen in der Ausstellung in der Ablegestation zur Insel Robben Island in Kapstadt.
Am dritten Tag der Konferenz führten zunächst die beiden Komitees getrennt ihre Mitgliederversammlungen durch. Am Nachmittag wurde eine gemeinsame Exkursion veranstaltet. Zuerst wurden Friedhof und Gedenkstätte für den Studentenaufstand am 19. April 1960 besucht, der dank der Unterstützung durch die Bevölkerung zum Abdanken des korrupten ersten Nachkriegspräsidenten führte. Den Besucher aus Europa erinnerte die monumentale Friedhofsanlage sowohl in der Formensprache als auch von den Ausmaßen sehr an sowjetische Denkmäler wie etwa im heutigen Wolgograd. Die Anlage, die erst nach der Erkämpfung demokratischer Verhältnisse in den frühen 1990er Jahren errichtet werden konnte, verdeutlicht die nachträglich Bedeutungszuschreibung dieses historischen Ereignisses für die Entwicklung Südkoreas von einem unterentwickelten Land zu einer wirtschaftlich prosperierenden Demokratie nach westlichem Vorbild.
Im Anschluss daran wurde das Sodaemun-Gefängnis, das heute Gedenkstätte ist, besichtigt. Nach dem Vorbild deutscher Gefängnisbauten von der japanischen Besatzungsmacht 1908 errichtet, hat es vor allem der japanischen Kolonialmacht zur Inhaftierung, Folterung und Hinrichtung von politischen Gegnern beiderlei Geschlechts gedient. Vor allem die sehr naturalistischen Darstellungen von Folterszenen in den historischen Zellen – die bis hin zu sich bewegenden Puppen, die Folterungen ausführen, und einer naturalistischen Lautkulisse reichen – wurden von allen Teilnehmern der Exkursion äußerst kritisch angesehen. Zudem wird ganz auf die Dichotomie koreanische Freiheitskämpfer/japanische Schergen gesetzt. Leider war es trotz verschiedener Nachfragen nicht möglich, genauere Hinweise über den Einsatz dieser Ausstellungsbereiche in der Museumspädagogik sowie die Reaktionen von Besuchern zu erhalten.
Als letzter Programmpunkt stand der Besuch des Korean War Memorials, der mit einem opulenten Abendessen auf Einladung des Museumsdirektors, eines ehemaligen Generals, abgeschlossen wurde, auf dem Programm. Neben dem Gedenken an die gefallenen US-amerikanischen, sonstigen alliierten und südkoreanischen Soldaten des Korea-Krieges wird in diesem Gebäude die glorreiche Rolle des südkoreanischen Militärs vom frühen Mittelalter bis zum Einsatz im Vietnamkrieg an der Seite der USA dargestellt. Ohne Raummangel und mit großem Materialeinsatz werden die verschiedenen Epochen – auch zahlreiche Kriegsschauplätze in Dioramen – sehr aufwändig dargestellt. Diese Ausstellung gibt daher einen wichtigen Aufschluss über die hohe Bedeutung, die das Militär bis heute für die südkoreanische Gesellschaft besitzt. Der Stolz der Armee und des Museums wurde mit einer musikalisch begleiteten »Martial Arts«-Vorführung, die im Rahmen einer Exkursion am Donnerstagmorgen im Beisein des ICOM-Präsidenten Perrot vor den Vorsitzenden der beiden Komitees durchgeführt wurde, unterstrichen.
Der Ertrag der Konferenz ist auf verschiedenen Ebenen zu bewerten. Zunächst bleibt festzuhalten, dass ein historisch und geographisch so weit ausgreifender Vergleich der Erinnerungskulturen aus der Perspektive der Gedenkstätten bisher noch nicht unternommen wurde, wie Wulff E. Brebeck, Vorsitzender von IC MEMO, in seiner Begrüßung betont hatte.
Bei einem Versuch eine Bilanz des Vergleichs zu ziehen, lassen sich – sehr generalisierend – einige wesentliche Unterschiede ausmachen: Während es in Ostasien im Wesentlichen um die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen geht, ist in Europa ein Völkermord mit dem Kriegsgeschehen verbunden. Ob sich aus dem Vorhandensein von längere Zeit genutzten Verbrechensorten wie Konzentrationslagern und Orten des Völkermords gegenüber Orten von Massakern, Atombombeneinsätzen, Entscheidungsschlachten u.a. in Ostasien langfristig auf einen anderen Charakter der Gedenkorte wird schließen lassen, muss offen bleiben.
Im Rahmen der Tagung wurden mit Hiroshima, Okinawa, dem Friedhof und der Gedenkstätte des 19.4. und dem Seodaemun-Gefängnis Gedenkorte vorgestellt, die den europäischen vergleichbar sind. Die Neigung, wichtige Einrichtungen in Hauptstädten zu schaffen, scheint eher mit dem in Japan und Korea ausgeprägten zentralistischen Staatsverständnis zu tun zu haben. Wie sich mehrfach zeigte, unterscheiden sich die erreichten Wissens- und gesellschaftlichen Diskussionsstände in Japan und Korea und dann wiederum gegenüber Europa. Dr. Rhie wurde wegen seiner einseitigen Darstellung (veraltete Zahlen ausschließlich koreanischer Opfer, Verschweigen japanischer Reparationszahlungen an frühere – diktatorische – Regierungen in Korea u.a.) und Frau Yoon wegen ihrer stark moralisierenden Position von japanischen Teilnehmern heftig kritisiert. Dieses wurde jedoch nicht in offener Diskussion gewagt, da bei koreanischen Teilnehmern – nicht unbegründet – antijapanische Ressentiments vermutet wurden. Der bei einzelnen Nichtregierungsorganisationen erreichte internationale Diskussionszusammenhang über Ländergrenzen in Ostasien hinweg scheint sich bei sensiblen Themen der Zeitgeschichte unter den Beteiligten noch nicht durchgesetzt zu haben.
Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer gesellschaftlichen Akzeptanz von »negativer Erinnerung« spielt nicht nur die Beendigung und Diskreditierung der verbrecherischen Diktatur, sondern auch die Herausbildung einer offenen Gesellschaft, die sich auch ihren Tabus zuwendet. Während sich in der Bundesrepublik Deutschland solche Verhältnisse während jahrzehntelanger heftiger öffentlicher Auseinandersetzungen mit zeitgeschichtlichen Fragen herausgebildet haben, waren in den europäischen Ländern mit staatssozialistischen Diktaturen die Gedenkkulturen staatlich umrissen und mit gezielten Ausblendungen (Völkermord an den europäischen Juden, unerwünschten Opfergruppen) versehen. In Japan führte die von den US-Amerikanern absichtlich vorgenommene Ausklammerung des Kaisers von den Strafverfolgungen der Nachkriegszeit dazu, dass die »Showa«-Zeit (japanische Geschichtsschreibung periodisiert nach kaiserlichen Herrschaftszeiten) bis zu Hirohitos Tod 1989 andauerte. Während der Nachkriegsjahrzehnte, in denen Japan sich in einer langen Friedenszeit zu einer weltweit führenden Wirtschaftsmacht mit wachsendem allgemeinen Wohlstand entwickelte, wurde das Bild dieser Ära immer positiver. Kritische Einschätzungen hatten es dagegen schwer. Die meisten Quellen sind heute noch gesperrt. Korea dagegen wurde kurz nach der Gründung der ersten Republik in einen Krieg gezwungen und geteilt. Bis zu Beginn der 1990er Jahre wechselten diktatorische Regime einander ab. Mehrere Aufstände wurden blutig niedergeschlagen. Dass die Diktaturen ein enges Verhältnis zu Japan anstrebten bzw. unterhielten, wirkt sich noch heute anscheinend in einer z.T. unreflektierten bzw. absolut gesetzten Kritik an der Rolle Japans aus. So hätte man im Sodaemun-Gefängnis, das bis in die 1980er Jahre benutzt wurde, auch etwas über die Rolle der südkoreanischen Verfolgungsorgane erfahren wollen.
Insofern unterscheiden sich auch die »Lernziele«, die Gedenkstätten durch ihre Arbeit vermitteln wollen. Die Notwendigkeit, sich für eine demokratische, freie und offene Gesellschaft einzusetzen, gehört sicher zum europäischen Gemeingut. In Japan liegt der Akzent stärker auf der Wahrung des Friedens, während in Korea die militärische Behauptung der nationalen Unabhängigkeit und der Einsatz eigener Soldaten an der Seite der USA weltweit zum Selbstverständnis gehört. Dass Gedenkstätten in Europa aufgrund der Verschiedenartigkeit des historischen Geschehens am jeweiligen Ort eher zu einer verschiedenen Schwerpunktsetzung in ihren Beiträgen zur Bildung von moralischen Werten kommen, stieß in der Diskussion mit Menschenrechtsaktivisten auf Befremden. Die meisten Einrichtungen verstehen sich weder als Menschrechts- noch als Friedensmuseen, sondern betrachten diese Aufgaben als gleichwertig mit z. B. der Erziehung zur Toleranz, Kritikfähigkeit und Stärkung der Urteilskraft.
Nicht diskutiert wurde wegen des Gewichts der Fragen nach den Erinnerungskulturen die Problematik der Museumskonzepte, die bei Frau Yoon und – dezidiert – bei Herrn Lee, aber auch bei Herrn O’Reilly, eine Art Dokumentations- und Studienzentrum, in einem Fall als Gesamtheit virtuell, meinten. Warum die Autoren für diese Einrichtungen den Begriff Museum wählen, bleibt zu fragen.
Abschließend lässt sich auch die Zusammenarbeit von IC MEMO und ICOMAM, wie Mitglieder beider Seiten bekräftigten, als fruchtbar ansehen. So ist eine gemeinsame Veranstaltung während der nächsten Generalkonferenz von ICOM 2007 in Wien gut vorstellbar. Auch ein Themenkreis wie der 1. Weltkrieg und seine Rezeption, die besonders in den westeuropäischen Staaten und Großbritannien von größter Bedeutung ist, wurde angedacht.
Bibl.:
Brebeck, Wulff E. und Thomas Lutz: NS- und Kriegsverbrechen – ihre Rezeption in Europa und Ostasien seit dem Zweiten Weltkrieg : gemeinsame Konferenz von IC MEMO und ICOMAM in Seoul vom 4.–6.10.2004. .